Dr. WEWETZER : Ein Ballon für die Beine

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Hilfe bei Durchblutungsstörungen

Hartmut Wewetzer

Der Mensch ist so alt wie seine Blutgefäße“, hat der englische Arzt Thomas Sydenham bereits vor 350 Jahren erkannt. Diese Weisheit gilt heute noch mehr als zu Sydenhams Zeiten. Damals starben viele Menschen frühzeitig durch ansteckende Krankheiten. Mittlerweile spielt tatsächlich der Zustand der Blutgefäße eine entscheidende Rolle. Das Hauptproblem ist die Arteriosklerose, bei der die Gefäße verfetten und verkalken. Dadurch fließt das Blut nur noch spärlich durch die Schlagadern.

Deutsche Mediziner entwickeln gerade eine neuartige Behandlung, um Menschen mit Durchblutungsstörungen in den Beinen besser zu helfen. Damit haben immerhin zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland zu tun. Häufig äußert sich das Leiden als „Schaufensterkrankheit“: Weil die Beine so schlecht durchblutet sind, schmerzen sie schon nach 50 oder 100 Meter Gehstrecke: und die Betroffenen – häufig Raucher oder Zuckerkranke – müssen oft an Schaufenstern anhalten.

Ein Team unter Leitung von Gunnar Tepe von der Uniklinik Tübingen und von Ulrich Speck von der Berliner Charité behandelte Menschen mit verengten Schlagadern im Bereich des Oberschenkels und des Knies. Üblicherweise werden diese Verengungen heute mit einem Ballon aufgedehnt, der zuvor über einen feinen Draht, einen Katheter, in das Gefäß eingefädelt wurde und der dann an der Engstelle aufgeblasen wird. Auf diese Weise wird die Schlagader wieder durchlässig, das Blut kann in die Beine strömen.

Das Problem besteht darin, dass nach einem halben bis einem Jahr das Gefäß im Bein bei jedem zweiten Patienten erneut verengt ist. Die Behandlungsergebnisse sind weitaus schlechter als in anderen Körperarealen. Auch die zum Beispiel am Herzen routinemäßig eingesetzten „Stents“ – röhrenförmige Gefäßstützen – haben in den Beinschlagadern ihre Tücken: Sie können brechen.

Die Wissenschaftler griffen zu einem Trick. Sie beschichteten den Ballon zum Aufdehnen zusätzlich mit einem speziellen Medikament. Der Wirkstoff mit Namen Paclitaxel kommt eigentlich aus der Krebsmedizin. Er hemmt das Zellwachstum. Wenn der Ballon im Blutgefäß aufgeblasen ist, dann wird Paclitaxel auf die innere Auskleidung der Gefäße „geklebt“. Hier bremst der Wirkstoff die Neigung des Blutgefäßes, sich erneut zu verengen.

Die Ergebnisse waren tatsächlich erheblich besser, als wenn die Patienten mit einem unbeschichteten Ballon behandelt wurden. Nach ein bis zwei Jahren hatte nur etwa jeder siebte einen Rückfall, wenn der Ballon mit dem Medikament beschichtet war. War der Ballon nicht beschichtet, gab es dagegen wie erwartet bei der Hälfte der Patienten Probleme. Und damit erneute Eingriffe.

„Das wird ganz sicher zu einem Umdenken bei der Behandlung von Gefäßverschlüssen führen“, sagt der Radiologe Tepe. „Und ich hoffe, dass der Ballon bald zugelassen wird.“ Wenn es nach Tepe ginge, könnte das vermutlich schon morgen sein.

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