Dr. WEWETZER : Einen aufs Herz

Hartmut Wewetzer

Tausende von Studien haben sich in den letzten 60 Jahren mit dem Alkoholkonsum und seinen Folgen für Herz und Gefäße beschäftigt. Kanadische Forscher stellten sich der Herkulesaufgabe, sie allesamt nach wissenschaftlich stichhaltigen Ergebnissen zu durchforsten. Das so gewonnene Destillat ist durchaus genießbar: Wer Alkohol in Maßen trinkt, senkt sein Risiko, herzkrank zu werden oder gar an einem Herz- oder Gefäßleiden zu sterben, um grob geschätzt ein Viertel – verglichen mit Menschen, die keinen Alkohol trinken. Entscheidend ist dabei die „Dosis“ des Alkohols, nicht, ob es sich um Bier, Wein oder Schnaps handelt, berichtet Paul Ronksley von der Universität Calgary in Alberta im Fachblatt „British Medical Journal“.

Was genau heißt „Alkohol in Maßen“? Die Forscher legen als bekömmliche Menge einen „Drink“ mit 15 Gramm Alkohol am Tag für Frauen fest. Das entspricht etwa 0,4 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein. Bei Männern dürfen es zwei Drinks sein, weil sie Alkohol besser vertragen. Erstaunlicherweise schwächt sich der günstige Effekt aufs Herz auch bei größeren täglichen Alkoholmengen nicht ab. Allerdings riskiert man dann, dass andere Organe wie die Leber auf die Dauer Schaden nehmen und das Suchtrisiko steigt. Mit ihrer Empfehlung wollen die Wissenschaftler also einen weitgehend sicheren Bereich des Konsums abstecken.

Alkohol ist natürlich keine Medizin. Auch wenn die Wirkung aufs Herz fast der eines Medikaments gleichkommt, wie Susan Brien, ebenfalls von der Universität Calgary, in einer weiteren Studie im „British Medical Journal“ erläutert. Brien ist der Frage nachgegangen, warum der Alkohol das Herz schützen kann und hat dazu ebenfalls einen Berg von Fachliteratur ausgewertet. Es sind vor allem drei Blutwerte, die günstig beeinflusst werden.

An erster Stelle steht das „gute“ gefäßschonende HDL-Cholesterin. Je mehr Alkohol man zu sich nimmt, umso höher steigt der HDL–Spiegel im Blut. „Der Anstieg ist größer, als er mit jeder heute erhältlichen Arznei erreichbar wäre“, schreibt Brien.

Faktor Nummer zwei ist Fibrinogen, ein Eiweiß, das die Neigung des Blutes zum Verklumpen erhöht. Alkohol verringert das Fibrinogen im Blut und macht es so „flüssiger“. Und dann ist da das von den Fettzellen gebildete Hormon Adiponektin. Es wird unter Alkohol vermehrt ins Blut abgegeben und verbessert die Wirkung des blutzuckersenkenden Hormons Insulin. So sinkt die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu erkranken – ein Leiden, das Gefäße und Herz schädigt.

Wenig Einfluss hat Alkohol auf das Schlaganfallrisiko, jedenfalls auf den ersten Blick. Schaut man genauer hin, so zeigt sich, dass er die Gefahr von Schlaganfällen infolge von Hirnblutungen etwas erhöht und zugleich die von Gefäßverschlüssen, also von Hirninfarkten, ein wenig senkt. Beide gegenläufigen Wirkungen heben sich in der Gesamtschau fast auf. Auch das zeigt, wie verwirrend und kompliziert das Wechselspiel des Alkohols mit dem Körper ist. Was dem Herz nützt, hilft dem Hirn noch lange nicht.

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