Dr. WEWETZER : Gegen die Schwermut

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Medikamente senken das Selbstmordrisiko

Hartmut Wewetzer

Helfen Medikamente wirklich gegen Depressionen? Um den Sinn und Unsinn von Antidepressiva ist ein Streit entbrannt. Die eine Seite versammelt sich um den Psychologen und Hypnosespezialisten Irving Kirsch von der Universität von Hull in Großbritannien. Kirsch sagt: Medikamente gegen Depressionen sind kaum wirksamer als ein Placebo, also ein Scheinmedikament. Viele Nervenärzte sehen das naturgemäß anders. So sagt Ulrich Hegerl von der Uniklinik Leipzig, dass die von Kirsch zitierten Studien aus verschiedenen Gründen nicht die Wirklichkeit widerspiegeln. Im Alltag seien die Mittel gegen Depressionen nämlich durchaus wirksam und sinnvoll.

Die Kritik geht noch weiter. In den letzten Jahren wurde sogar diskutiert, ob neuartige Medikamente gegen die Schwermut das Selbstmordrisiko insbesondere junger Menschen nicht etwa senken, sondern erhöhen können. Bei diesen Arzneimitteln handelt es sich um die Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, kurz SSRIs genannt.

Wer hat nun recht? Eine aufschlussreiche Studie zu diesem Thema kommt aus den USA. Im Auftrag des Nationalen Büros für ökonomische Forschung gingen Wissenschaftler der Frage nach, ob die Einführung der neuartigen SSRI-Mittel Konsequenzen für die Häufigkeit von Selbstmorden hatte. Die Forscher untersuchten Daten aus 26 Ländern und legten einen Zeitraum von bis zu 25 Jahren zugrunde. Ergebnis: In Ländern, in denen die Arzneimittel eingeführt worden waren, verringerte sich die Häufigkeit von Suiziden.

Es stellte sich heraus, dass ein Anstieg des Verkaufs von SSRI-Präparaten von einer Tablette pro Kopf und Jahr jeweils die Selbstmordhäufigkeit um fünf Prozent senkte. Die Medikamente seien unter dem Strich eine vergleichsweise preiswerte Methode, um Menschenleben zu retten, meinen die Wissenschaftler. Wenn man das denn überhaupt beziffern will.

Das Ganze funktioniert leider auch umgekehrt, wie der Psychiater Robert Gibbons von der Universität von Illinois und seine Mitarbeiter belegten. Gibbons untersuchte, welche Auswirkungen der Rückgang der Verschreibungen von SSRI-Medikamenten in den Jahren 2003 und 2004 infolge des befürchteten Suizidrisikos in den USA und Holland hatte. Tragisches Ergebnis: Die Selbstmordrate bei Kindern und Jugendlichen stieg an!

Die gutgemeinte Warnung vor dem Suizidrisiko auf den Tablettenschachteln hatte also mit ziemlicher Sicherheit das Gegenteil bewirkt – nicht weniger, sondern mehr Selbstmorde.

„Depressive Menschen sind von Haus aus hoffnungslos, das ist Teil der Erkrankung“, sagt Hegerl. „Sie glauben, dass ihnen nicht geholfen werden kann.“ Hegerl befürchtet, dass viele Betroffene nun angesichts der neuen Diskussion auf Medikamente verzichten und sich dadurch in Suizidgefahr bringen. Zumindest aber das Risiko eines Rückfalls eingehen. Das wird nämlich durch Medikamente mindestens halbiert, sagt Hegerl. Es steht also einiges auf dem Spiel.

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