Dr. WEWETZER : Gehirnjoggen am Computer

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Gymnastik für den Geist

Hartmut Wewetzer

Ich gebe ja zu, ich habe dieses Laster. Ich spiele gelegentlich Computerspiele. Aber ich schlage mich nur durch das Reich der Orks und Aliens, um das Böse zu besiegen. Und natürlich auch ein klein bisschen, um abzuschalten und eine Auszeit zu nehmen. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, um am Computer zu spielen: Gehirn und Gedächtnis kann man mittlerweile auch mit Videogames trainieren. Im Elektronikmarkt füllen Spiele wie „Dr. Kawashimas Gehirnjogging“ halbe Regale.

Kann man sich mit diesen Spielen geistig tatsächlich auf Vordermann bringen? Oder sein Gehirnalter verjüngen, wie ein Spielehersteller behauptet?

Bekannt wurde 2003 eine Studie mit Londoner Taxifahrern, die für das Lernen des Stadtplans jahrelanges Training brauchen. Als Forscher sie unter einen Hirnscanner legten, stellten sie fest, dass der daumengroße Hippocampus, eine Art Gedächtniszentrale im Schläfenlappen des Gehirns, umso größer war, je länger die Taxifahrer im Beruf waren.

Das klingt, als sei das Gehirn und sein Gedächtnisspeicher eine Art Muskel, der mit regelmäßigem Training dicker und stärker wird. Daran ist sicher etwas Wahres. Aber ganz so einfach ist es nicht, sagt die Lernforscherin Elsbeth Stern von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich: „Das Gedächtnis ist eine Ansammlung von Wissen, man kann es nicht ganz allgemein trainieren.“ Anders gesagt: Wer Mathe lernt, lernt Mathe. Wer lesen lernt, lernt lesen. Wer ein Computerspiel spielt, lernt …

„Besser als nichts“ findet die Psychologin Stern ein Spiel zum Gedächtnistraining. Von der Behauptung, man könne mit einem „Gedächtnistrainer“ spielerisch sein Gehirnalter von 80 auf 40 senken, hält sie allerdings nichts. Das Gehirn lässt sich nicht verjüngen, so schön das auch wäre. Die beim Gehirnjogging erworbenen Fähigkeiten ließen sich nicht auf andere Bereiche übertragen, hat auch der verstorbene Berliner Altersforscher Paul Baltes einmal gesagt.

Aber bei allem Wissen um die Grenzen – es gibt auch Untersuchungen, die ein günstigeres Bild vom Gehirntraining zeichnen. 2006 veröffentlichte Karlene Ball von der Universität von Alabama in Birmingham eine große Studie, in der untersucht wurde, wie sich eine sechswöchige Intensivschulung für Gedächtnis, Denkvermögen oder Reaktionsschnelligkeit bei älteren Menschen langfristig auswirkte. Selbst fünf Jahre später waren noch günstige Effekte nachweisbar. Wer ein Gedächtnistraining bekommen hatte, dessen Gedächtnis arbeitete auch besser. Allerdings konnten keine Verbesserungen im Alltag beobachtet werden.

Ebenfalls bei Älteren wurde das „Brain Fitness“-Programm der US-Firma Posit getestet – und wirkte sich offenbar noch nach Monaten positiv auf das Gedächtnis aus. „Gehirntraining ist wie eine Creme gegen das Altern“, kommentierte das Magazin „New Scientist“. „Es schadet nicht und nützt vielleicht ein wenig.“ Zumindest kann es ein angenehmer Zeitvertreib sein – wenn man ein paar Orks und böse Zauberer besiegen muss.

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