Dr. Wewetzer : Heilhaut aus der Spraydose

Ein offenes Bein kann zu einer Dauerplage werden. Häufige Ursache für ein schwer heilendes Geschwür, meist oberhalb des inneren Fußknöchels, ist Venenschwäche. Venen transportieren das Blut aus den Beinen zum Herzen.

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Bei schlaffen Venen versagen jedoch die Venenklappen. Bei Gesunden hindern sie das Blut daran, ins Bein zurückzufließen. Sind die Klappen defekt, stauen sich Blut und Flüssigkeit folgerichtig in den Beinen. Das stört die Durchblutung, schädigt das Gewebe und führt zu offenen Stellen, Geschwüren. Mit straff gewickelten Verbänden und Kompressionsstrümpfen versucht man, durch Gegendruck dem Blutstau entgegenzuwirken, um die Heilung anzuregen und neue Geschwüre zu verhüten.

Zwischen 30 und 75 Prozent der offenen Beine heilen durch gute Wundversorgung, Druckverbände und Hochlagern der Beine ab. In den anderen Fällen werden die Wunden chronisch. Bei diesen hartnäckigen Geschwüren ist guter Rat teuer. Eine neue Therapie mit „Haut aus der Spraydose“ kann helfen, das Abheilen zu beschleunigen. Wobei der Ausdruck „Haut“ falsche Erwartungen weckt. Es handelt sich genau genommen um Millionen menschlicher Haut- und Bindegewebszellen in Proteinlösung, die auf chronische Geschwüre aufgesprüht werden. Entwickelt hat den Spray das US-Unternehmen „Healthpoint Biotherapeutics“. Die Idee: Die Zellen sollen das Verschließen der Wunde beschleunigen, indem sie heilsame Eiweißstoffe absondern. Danach sterben die Zellen aus dem Spray ab.

Eine Studie belegt, dass es tatsächlich einen Heilungsimpuls gibt. An der im Fachblatt „Lancet“ veröffentlichten Untersuchung nahmen rund 230 Menschen in den USA und Kanada mit chronischen Geschwüren infolge von Venenschwäche teil. Sie wurden alle ein bis zwei Wochen mit unterschiedlichen Dosen von „Hautspray“ oder einer zellfreien Kontrolllösung (Placebo) behandelt. Die Studie war streng wissenschaftlich angelegt, weder Patient noch Arzt wussten, ob sie es mit Wirkstoff oder Placebo zu tun hatten.

Nach drei Monaten zogen die Forscher Bilanz. Es stellte sich heraus, dass ein niedrig dosierter Zellspray am wirksamsten war. Die Wundfläche war im Vergleich zum Placebo um 16 Prozent mehr abgeheilt, bei 70 Prozent war die Wunde ganz verheilt, unter Placebo waren es nur 46 Prozent. „Diese Behandlung ist ein interessanter Ansatz“, sagt Peter Klein-Weigel, Spezialist für Gefäßleiden am Helios-Klinikum Berlin-Buch. „Aber die Ergebnisse sind noch nicht wirklich überzeugend, sie müssen bei erheblich mehr Patienten bestätigt werden.“

Eine solche große Untersuchung in Amerika und Europa soll nun folgen, bei einem guten Ergebnis dürfte der Hautspray zugelassen werden. Allerdings schweigt die Firma zu den vermutlich immensen Kosten des Präparats. Weil offene Beine häufig sind – etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung leiden unter ihnen –, kann der Spray die Krankenkassen teuer zu stehen kommen. Auch die Quelle der Heilzellen gibt zu denken. Sie stammen aus der Vorhaut von beschnittenen Neugeborenen.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar