Dr. WEWETZER : Heilsames Wunschkonzert

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Musik hilft Schlaganfallpatienten

Hartmut Wewetzer

Die Medizin entdeckt die Musik. Und das nicht von ungefähr. Denn Musik besitzt eine merkwürdige Macht über unser Inneres. Das menschliche Gehirn ist auf Melodie und Rhythmus gestimmt. Finnische Wissenschaftler haben nun getestet, ob Musik auch Menschen mit Schlaganfall helfen kann. Und ihre Ergebnisse sind erstaunlich.

Teppo Särkämö und sein Team von der Uni Helsinki teilten Patienten mit einem Schlaganfall im Bereich der mittleren Hirnschlagader in drei Gruppen ein. Die eine hörte für zwei Monate jeden Tag mindestens eine Stunde Musik nach Wunsch, eine zweite Hörbücher und eine dritte gar nichts.

Resultat der im Fachblatt „Brain“ veröffentlichten Studie: Das Wortgedächtnis und die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, waren in der Gruppe der Musikhörer nach einem Vierteljahr deutlich verbessert, verglichen mit den beiden anderen Gruppen. Auch Stimmungsschwankungen und Niedergeschlagenheit – typisch nach einem Schlaganfall – waren geringer ausgeprägt. Die Wirkung hielt auch nach einem halben Jahr an. Musik hilft offenbar dem Gefühlsleben wie dem Geist, die Folgen eines Schlaganfalls zu überwinden.

„Eine hervorragende Studie“, kommentiert Friedrich Luft vom Hertie- Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen. „Sie weist nach, dass Musik nicht nur gute Laune macht und die Depression dämpfen kann, sondern auch die Aufmerksamkeit verbessert.“ In seiner Klinik hat der Neurologe Luft beobachtet, dass viele Familien schon ganz intuitiv nach den neuen Erkenntnissen handeln: Sie bringen ihrem Angehörigen, der mit einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt, einen CD-Spieler mit.

Welche Therapie kann schon für sich in Anspruch nehmen, einfach anwendbar, gut verträglich und auch noch wirksam in einem zu sein? Für den Schlaganfallexperten Luft steht deshalb fest: „Wir werden Musik künftig einsetzen.“ Natürlich, das geben die finnischen Forscher zu bedenken, muss das Ergebnis noch von anderen Wissenschaftlern und bei einer größeren Zahl von Patienten wiederholt werden. Denn es ist das erste Mal, dass so ein Effekt exakt nachgewiesen wurde. Auch wenn die Musiktherapie in der Psychiatrie schon etabliert ist und hier dazu dient, Depressive aus ihrem Schneckenhaus zu locken.

„Wir glauben, dass man nach einem Schlaganfall so bald wie möglich mit dem Musikhören anfangen sollte“, sagt der Studienleiter Särkämö. „Denn das Gehirn kann sich in den ersten Wochen nach einem Schlaganfall dramatisch verändern, und diese Veränderungen können durch eine stimulierende Umwelt verstärkt werden.“

Musik lindert, das ist mittlerweile erwiesen, seelische Krisen bei körperlichen Leiden. Und es gibt Anzeichen dafür, dass sie bei Gesunden wie Kranken Aufmerksamkeit, Lernvermögen und auch dem Gedächtnis auf die Sprünge hilft. Wie wäre es also mit einer Dosis Bach oder Beethoven? Oder lieber Frank Sinatra? Nur bitte: kein Heavy Metal. Der macht jedenfalls mich ganz krank.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar