Dr. WEWETZER : Herz und Hormone

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Östrogene in den Wechseljahren

Hartmut Wewetzer

Auf den ersten Blick erschien alles so einfach. Wenn in den Wechseljahren die Hormonbildung nachlässt, warum diese nicht einfach ersetzen? Die Hormonersatz-Behandlung mit Östrogen und Gestagen war geboren und setzte sich rasch durch, besserte sie doch Beschwerden wie Hitzewallungen und Nachtschweiß und beugte dem Knochenabbau vor, der Osteoporose.

2001 kam die Ernüchterung: Wie sich in einer Untersuchung mit Namen WHI-Studie herausstellte, haben Frauen, die längere Zeit Hormone einnehmen, ein höheres Risiko für bestimmte Krankheiten, vor allem Brustkrebs. In der Studie kamen auf 10 000 Frauen, die Hormone einnahmen, jedes Jahr 38 Fälle von Brustkrebs. Bei Frauen, die keine Hormone nahmen, waren es nur 30 Fälle. Das Risiko war also erhöht. Nicht sehr stark, aber deutlich messbar.

Die Folge war ein „Pillenknick“. Heute werden deutlich weniger Hormone verschrieben. Die Devise lautet: So kurz und niedrig dosiert wie möglich.

Auch auf das Herz wirken die Hormone. Grob gesagt: In jüngeren Jahren schützt Östrogen das Herz, jenseits der 60 wird es zum Risiko. Jetzt gibt es eine Untersuchung, die zu einem bemerkenswerten Ergebnis in Sachen Herzattacken kam. Danach kommt es vor allem darauf an, wie man die Hormone einnimmt, also in welcher Kombination oder ob als Tablette oder Pflaster. Ellen Lokkegaard vom Reichshospital in Kopenhagen schaute sich an, wie sich die Hormone auf Herzattacken auswirkten. Sie wertete Daten von 700 000 Däninnen im Alter zwischen 51 und 69 aus. Berücksichtigt wurde die Zeit zwischen 1995 und 2001. Hauptergebnis: Frauen, die Hormone nahmen, hatten kein höheres Risiko als Frauen, die das nicht taten.

Frauen, die Östrogen über ein Hormonpflaster zugeführt bekamen, hatten ein um 38 Prozent geringeres Risiko für einen Herzinfarkt. Möglicherweise deshalb, weil das Hormon über die Haut direkt aufgenommen wird, während der Wirkstoff in Tablettenform nach der Aufnahme durch Magen und Darm die Leber passieren muss und dadurch die Neigung zu Blutpfropfen, Thrombosen, verstärken kann.

Außerdem zeigte sich, dass es günstiger fürs Herz ist, wenn weniger Gestagen eingenommen wird. Das Hormon ist ein notwendiges Übel. Hat es doch keine andere Aufgabe, als das Risiko für Gebärmutterkrebs abzupuffern, das durch die Östrogeneinnahme vergrößert wird.

Für den Berliner Hormonexperten Horst Lübbert bestätigt die Untersuchung seine Einschätzung, dass eine Hormonbehandlung bei gesunden Frauen zwischen 50 und 60 nur ein geringes Risiko besitzt. Eine Einnahme von bis zu fünf Jahren hält er für unproblematisch.

Ob man als Frau wegen Wechseljahresbeschwerden Hormone nehmen soll, darauf gibt es keine einfache Antwort. Die Wechseljahre sind ja keine Krankheit, sondern ein ganz natürlicher Prozess. Meist sind Medikamente unnötig. Und eine Dauerlösung sind sie ohnehin nicht. Aber bei ausgeprägten Problemen können sie eine Zeit lang helfen.

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