Dr. WEWETZER : Hilfe für kranke Nerven

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Eine neue Behandlung der Multiplen Sklerose

Hartmut Wewetzer

Das Nervenleiden Multiple Sklerose, MS, gibt bis heute große Rätsel auf. Man kann noch immer nicht erklären, warum bestimmte Zellen des Immunsystems die fettigen Umhüllungen der Nervenzellen anfressen und auf diese Weise Lähmungen, Missempfindungen, Sehstörungen und viele andere Probleme hervorrufen. Die MS ist immerhin die häufigste chronische Entzündung des Nervensystems, allein in Deutschland sind rund 120 000 Menschen betroffen. Aber vielleicht ist es gar nicht erforderlich, den Auslöser der Krankheit zu finden – entscheidend ist ja schließlich eine erfolgreiche Behandlung. Und da gibt es mittlerweile eine ganze Reihe neuer, hoffnungsvoller Ansätze.

Im Kern geht es darum, die wildgewordene Körperpolizei wieder in die Schranken zu weisen. Üblicherweise wird das Immunsystem mit Medikamenten wie Kortison und Interferon gedämpft. Damit gelingt es, die Krankheit zu verlangsamen. Jetzt berichten Ärzte der Universität Cambridge, dass es ihnen sogar gelungen ist, die Folgen der MS teilweise rückgängig zu machen.

Alasdair Coles und seine Mitarbeiter testeten einen Wirkstoff namens Alemtuzumab. Hinter dem zungenbrecherischen Namen verbirgt sich ein Antikörper. Das ist eine Art molekulare Lenkwaffe, die gegen bestimmte weiße Blutkörperchen gerichtet ist. Von denen nimmt man an, dass sie bei der MS eine verhängnisvolle Rolle spielen. Entwickelt wurde der Wirkstoff vor 30 Jahren als Mittel gegen Blutkrebs.

Die Mediziner setzten Alemtuzumab kurz nach Ausbruch der Erkrankung ein. In dieser Phase hat die MS noch kaum dauerhafte Störungen hinterlassen. In einem dreijährigen Test stellte sich heraus, dass der Wirkstoff der herkömmlichen Behandlung mit der Substanz Interferon deutlich überlegen war. Alemtuzumab verringerte die Zahl der Krankheitsschübe um dramatische 74 Prozent und dämpfte das MS-bedingte Risiko einer Behinderung um 71 Prozent. Am bemerkenswertesten war aber, dass die Patienten am Ende der Untersuchung im Mittel weniger behindert waren als zuvor.

„Zum ersten Mal konnten wir definitiv zeigen, dass eine aggressive Dämpfung des Immunsystems in der Frühphase der MS gut ist und die Behinderung zum Teil rückgängig macht“, sagt der Studienleiter Alasdair Coles. „Das hat vorher noch nie jemand gesehen.“ Im Gehirn konnten die Forscher nachweisen, dass verlorenes Gewebe ersetzt wurde. „Irgendwie fördert das Mittel offenbar die Reparatur des Gehirns“, sagt Coles.

Aber Alemtuzumab ist kein Wundermittel. Es hat erhebliche Nebenwirkungen. Die Substanz führt häufig zu einer Entzündung der Schilddrüse und kann die Zahl der Blutplättchen drastisch verringern. Das führte bei einem Patienten zu einer tödlichen Hirnblutung. Doch sind diese Komplikationen recht gut zu behandeln, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. Der Wirkstoff wird nun bei einer größeren Zahl von Patienten getestet, eine Zulassung ist frühestens 2010 denkbar. Vielleicht der Zeitpunkt für eine entscheidende Wende.

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