Dr. WEWETZER : Hormone für Vegetarier

Manchmal geht die Natur merkwürdige Wege.

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Hunderte verschiedener Pflanzen produzieren Östrogene, weibliche Geschlechtshormone. Darunter Knoblauch und Kartoffel, Hülsenfrüchte und Hafer, Kaffee und Tee. Die Pflanzen benötigen die Hormone wahrscheinlich nicht selbst, sondern nutzen sie als „biologisches“ Verhütungsmittel für Fressfeinde. Uns Menschen macht das Grünzeug eher wenig aus. Im Gegenteil: Die Hinweise häufen sich, dass Pflanzenöstrogene durch Hormone stimulierte Tumoren wie Brust- oder Prostatakrebs verhüten oder günstig beeinflussen können.

Hormone sind Botenstoffe, ihr Einfluss auf verschiedene Körperfunktionen ist vielfältig und mitunter verwirrend bis widersprüchlich. Je nach Dosis und Lebensphase kann ein Hormon anders, ja gegensätzlich wirken. Pflanzen-Östrogene etwa schwächen eher den Einfluss der „echten“, möglicherweise tumorfördernden Östrogene. Das kann das Brustkrebsrisiko senken. Darauf deuten besonders Untersuchungen in Asien hin, wo reichlich Sojaprodukte gegessen werden und Frauen seltener an Brustkrebs erkranken. Soja enthält Isoflavone, die östrogenartig wirken.

In westlichen Ländern stehen andere pflanzliche Hormone im Vordergrund, vor allem die Lignane. Sie sind in Leinsamen und Sesamsaat enthalten, außerdem in Früchten, Beeren, Gemüse und Vollkorn. Lignane wirken schwächer als Isoflavone, haben aber auch das Potenzial, Brustkrebs zu verhüten. Vor allem Frauen nach den Wechseljahren, die über viel Obst und Gemüse reichlich Lignane aufnehmen, senken auf diese Weise das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Nicht drastisch, doch immerhin messbar.

Jenny Chang-Claude vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg ist der Frage nachgegangen, ob Pflanzenöstrogene auch eine bereits festgestellte Brustkrebserkrankung günstig beeinflussen können. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern nahm sie Blutproben von 1140 Frauen, die nach den Wechseljahren an Brustkrebs erkrankt waren.

Gemessen wurde die Konzentration von Enterolakton im Blut, einem Stoffwechselprodukt des Lignans. Enterolakton ist ein Maß für den Konsum von Pflanzenöstrogenen. Nach einer mittleren Beobachtungszeit von sechs Jahren zog die Wissenschaftlerin Bilanz. Ergebnis: Frauen mit dem meisten Enterolakton im Blut hatten ein um 40 Prozent geringeres Sterblichkeitsrisiko als Frauen mit wenig Pflanzenöstrogen. Auch das Risiko von Tochtergeschwülsten war geringer. Erstaunlich, dass die Pflanzenstoffe anscheinend vor allem jene Tumoren beeinflussten, die keine „Antennen“ für Östrogen haben. Pflanzenöstrogene haben also noch weitere Wege, um Tumorwachstum einzudämmen. Hormone sind vielseitig!

Pflanzenöstrogene sind ein Grund mehr, bei Obst und Gemüse zuzulangen. Vom Konsum in Pillenform rät Jenny Chang-Claude dagegen eher ab. Für eine solche Empfehlung mangelt es noch an entsprechenden Untersuchungen. Hormone sind Hormone, auch wenn sie von Pflanzen stammen.

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