Dr. WEWETZER : Immun gegen den Überdruck

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Eine Impfung für die Blutgefäße

Hartmut Wewetzer

Eine Impfung gegen hohen Blutdruck? Am Anfang habe ich das fast für einen Scherz gehalten. So wie die bislang fruchtlosen Versuche, gegen Schnupfen oder Zahnfäule zu impfen. Immerhin, in diesen Fällen gibt es sogar Krankheitserreger. Davon kann beim hohen Blutdruck nicht die Rede sein.

Doch es funktioniert tatsächlich. Das belegt eine Untersuchung deutscher und Schweizer Wissenschaftler. Sie testeten einen von der Biotechnik-Firma Cytos entwickelten Impfstoff bei Patienten mit leicht bis mittelmäßig erhöhtem Blutdruck. Die Impfung führt dazu, dass der Körper Abwehrstoffe gegen Angiotensin II bildet. Angiotensin II ist ein körpereigenes Hormon. Es erhöht den Blutdruck, indem es die Blutgefäße zusammenzieht. Dann muss das Herz den Druck erhöhen, um das Blut durch die verengten Gefäße zu pressen. Auf die Dauer können die Gefäße Schaden nehmen und verkalken.

Die Forscher kombinierten die Hülle eines Virus mit einem kurzen Abschnitt des Blutdruckhormons. Die „tote“ Virushülle diente lediglich dazu, die Körperabwehr zu alarmieren und auf das Hormon aufmerksam zu machen. Nach Kontakt mit dem Impfstoff begann das Immunsystem, Antikörper herzustellen, die gegen Angiotensin II gerichtet waren und es entschärften.

Jeweils 24 Patienten erhielten einmal im Monat entweder den Impfstoff in einer niedrigen oder höheren Dosierung oder ein Scheinmedikament unter die Haut gespritzt. Nach vier Monaten wurde Bilanz gezogen. Insbesondere die höhere Impfstoffdosis erwies sich als gut wirksam. Vor allem in den frühen Morgenstunden. Dann ist das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, besonders groß, eine Blutdrucksenkung vermutlich besonders nützlich.

„Die Impfung war sicher und verträglich“, sagt Frank Wagner von der Charité-Forschungsorganisation in Berlin, einer der beteiligten Ärzte. „Das war bei diesem Test entscheidend.“ Jetzt soll die Dosis gesteigert, die Wirkung auf den Blutdruck erhöht werden. Bis zur endgültigen Zulassung werden zwar noch Jahre vergehen. Aber der erste Schritt, der Beweis der Wirkung, ist getan.

Eigentlich gibt es bereits eine ganze Batterie an Blutdruck senkenden Mitteln. Auch gegen Angiotensin II gibt es spezielle Wirkstoffe. Das Problem ist nur, dass viele Patienten Probleme mit der regelmäßigen Einnahme haben. Denn hoher Blutdruck macht meist keine Beschwerden, Medikamente dagegen mitunter schon. „Eine Impfung kommt den Leuten entgegen, die Probleme damit haben, Tabletten zu schlucken“, sagt Walter Zidek, Blutdruckexperte an der Berliner Charité. „Aber noch wissen wir nicht, wie lange der Effekt anhält.“ Die Blutdruckbehandlung ist schließlich eine langfristige Sache.

Wer seinen Blutdruck senken will, muss nicht gleich an Tabletten denken. Bewegung, Normalisierung des Körpergewichts und weniger Kochsalz im Essen wirken oft schon Wunder. Und: Diese Maßnahmen kosten keinen Cent und sind frei von Nebenwirkungen. Zumindest von unangenehmen.

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