Dr. Wewetzer : Indische Lektion

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Bessere ist der Feind des Guten. Dieser Spruch gilt auch in der Medizin. Selbst da, wo ein Verfahren sich so bewährt hat wie die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs mit Hilfe eines Zellabstrichs vom Muttermund. Vor mehr als 80 Jahren entwickelte der griechische Arzt George Papanicolaou den nach ihm benannten „Pap“-Test. Der ist bis heute die beste Methode zur Krebsfrüherkennung. Seitdem der Pap-Test eingeführt wurde, sank in den Industrienationen die Häufigkeit von Gebärmutterhalskrebs drastisch. Doch jetzt hat der lebensrettende Test ernste Konkurrenz bekommen. Das Bessere könnte das Gute ablösen.

So gut wie immer sind bei Gebärmutterhalskrebs Viren im Spiel. Die Erreger mit Namen Humane Papillomaviren (HPV) werden durch Sex übertragen und befallen die Schleimhaut. Zu mehr als 90 Prozent verschwinden sie innerhalb von zwei Jahren wieder. Bleibt die Infektion bestehen, kann die befallene Schleimhaut im ungünstigsten Fall nach zehn Jahren oder in einem noch längeren Zeitraum zu Krebs entarten.

Kein Virus, kein Krebs. Warum also nicht gleich nach dem Virus suchen? Genau das haben Wissenschaftler in Indien getan. Mit Unterstützung der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung verglichen sie bei 130 000 Frauen verschiedene Früherkennungsmethoden von Gebärmutterhalskrebs, darunter war auch der Pap- und der HPV-Test. Das Ergebnis nach acht Jahren: der HPV-Test, mit dem Erbinformation der Papillomviren in einem Abstrich nachgewiesen wird, war den anderen Methoden klar überlegen. Der Pap-Test landete auf dem zweiten Platz.

Besonders eindrucksvoll war, dass von den Frauen, bei denen kein HPV gefunden wurde („HPV-negativ“), keine einzige an Gebärmutterhalskrebs starb. „Mit dem HPV-Test könnte die Krebsfrüherkennung ab dem 30. Lebensjahr beginnen und alle zehn Jahre wiederholt werden“, sagt Rengaswamy Sankaranarayanan von der Internationalen Agentur für Krebsforschung in Lyon und Leiter der im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten Studie. Zum Vergleich: In Deutschland wird die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs vom 20. Jahr an in jährlichen Abständen mit dem Pap-Test empfohlen. Die Krankenkassen zahlen – aber leider nicht den empfindlicheren HPV-Test.

„Natürlich würde ein fünf– bis zehnjähriger Abstand bis zum nächsten Test nur dann gelten, wenn das Ergebnis ,HPV-negativ’ ist“, sagt Michael Untch, Chefarzt am Helios-Klinikum Berlin-Buch. „Der HPV-Test sollte zur Routine werden“, fordert der Frauenarzt. Wird HPV nachgewiesen, kommt auch der Pap-Test wieder ins Spiel, weil er wichtige Hinweise auf krebsähnliches Wachstum liefert.

Mittlerweile hat sich auch die Impfung gegen HPV bei jungen Frauen etabliert. Ziemlich wahrscheinlich, dass sie Gebärmutterhalskrebs weiter zurückdrängen wird. Bis sich die Effekte zeigen, wird es noch zehn bis 20 Jahre dauern, schätzt Untch. Die Früherkennung bleibt also wichtig. Und verbesserungswürdig.

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