Dr. WEWETZER : Insulin ist kein Dünger

Hartmut Wewetzer .

Die Pharmaindustrie ist bei den Medien nicht gerade beliebt. Konzerne mit undurchsichtigen Machenschaften, die mit Krankheit und Leid Geld verdienen. Journalistische Distanz zu diesem Industriezweig ist sicher angebracht. Aber inzwischen dominiert oft ein negatives Zerrbild. Häufig berichtet man nicht über Wirkungen, sondern über Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Da werden vorhandene Risiken schon mal aufgebläht, vom Nutzen ist kaum die Rede. Mit der möglichen Folge, dass Patienten verunsichert werden und ihre unter Umständen lebenswichtigen Medikamente nicht mehr einnehmen. Wenn dann noch ein Krebsrisiko durch ein Medikament zur Debatte steht, dann stimmt nicht nur das Feindbild, sondern auch die Auflage. Krebs zieht immer.

So geschehen bei „Lantus“, einem verbreiteten Präparat zur Behandlung der Zuckerkrankheit Diabetes. Als Wirkstoff enthält es Insulin Glargin, eine Abwandlung des blutzuckersenkenden Bauchspeicheldrüsenhormons Insulin. „Lantus“ wirkt länger als menschliches Insulin und hat damit gewisse Vorteile. Vor drei Jahren ergaben sich unter anderem durch eine deutsche Studie Hinweise auf ein im Vergleich zu anderen Insulin-Präparaten leicht erhöhtes Krebsrisiko unter Lantus-Behandlung. Andere Untersuchungen fanden keine Indizien. Entsprechend zurückhaltend fiel das Urteil der meisten Fachleute aus – auch, weil die Studien ihrer Natur nach gar keine ursächlichen Schlüsse zuließen und Mängel hatten.

Trotzdem war die Sache für die „Tagesthemen“ klar: „Hohes Risiko – Krebsgefahr durch Diabetes-Medikament“ behaupteten die ARD-Journalisten. Der „Spiegel“ jagte mit der Überschrift „Dünger für Krebszellen“ seinen Lesern einen kalten Schauer über den Rücken und stellte eine Hochrechnung an: Jedes Jahr könnten „knapp 3500 Krebsfälle“ auf Lantus zurückzuführen sein. Entsprechend groß war die Sorge bei jenen Patienten, die sich das Medikament spritzten.

Der Verdacht hat sich nicht erhärtet. Er konnte sogar weitgehend entkräftet werden. In dieser Woche wurden beim Kongress der Amerikanischen Diabetes-Assoziation drei Studien vorgestellt, in denen das Krebsrisiko von 450 000 Insulin-Nutzern verglichen wurde. Damit gibt es eine weitaus bessere Datenbasis. Ergebnis: kein wesentlicher Unterschied zwischen Lantus und anderem Insulin. Allerdings erstreckt sich die Beobachtungszeit bislang nur auf drei Jahre.

Ebenfalls dieser Tage wurde unter dem Kürzel „Origin“ eine Studie unter Leitung kanadischer Forscher veröffentlicht. 12 000 Teilnehmer im Anfangsstadium der Zuckerkrankheit bekamen Lantus oder eine insulinfreie Behandlung. Nach gut sechs Jahren zogen die Wissenschaftler Bilanz. Und stellten fest, dass es in Sachen Krebs, Herzleiden und Sterblichkeit keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen gab. Auch hier also: Krebsrisiko Fehlanzeige.

Gut für die Patienten, gewiss. Aber erwarten Sie jetzt nicht, dass „Tagesthemen“ oder „Spiegel“ darüber berichten oder sich gar korrigieren.

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