Dr. WEWETZER : Kampf dem stillen Killer

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Impfung gegen Eierstockkrebs

Hartmut Wewetzer

Eierstockkrebs ist eine tückische Krankheit. Der Tumor wächst im Stillen heran, ruft am Anfang keine Beschwerden hervor. Erst wenn er eine gewisse Größe erreicht hat, macht er sich bemerkbar. Gewichtsverlust, Übelkeit, ein geschwollener Bauch, Schmerzen im Beckenbereich, Probleme mit dem Stuhlgang oder dem Wasserlassen deuten dann auf Eierstockkrebs hin.

Fünf Jahre nach der Diagnose Brustkrebs leben heute noch vier von fünf Frauen. Bei Eierstockkrebs sind es nur halb so viele. Jedes Jahr erkranken bei uns 10 000 Frauen an dem Tumor. Trotzdem: Es gibt Forschritte bei der Behandlung und Ansätze für neue Therapien. Einer davon ist eine Impfung gegen den Krebs. Geimpft werden jedoch nicht gesunde Frauen. Sondern nur solche, die bereits erkrankt sind.

Bei vier von fünf Frauen mit Eierstockkrebs bilden die Tumorzellen ein bestimmtes Eiweiß (Protein) mit Namen Ca-125. Dieses Protein ist ein Kennzeichen für Eierstockkrebs. Die Impfung hat zum Ziel, das körpereigene Abwehrsystem auf dieses Eiweiß aufmerksam zu machen. Angestachelte Immunzellen sollen dann den Krebs bekämpfen wie Bakterien oder Viren.

Einer der Impfstoffe auf Basis von Ca-125 heißt Abagovomab. Hinter diesem Zungenbrecher verbirgt sich – sorry, noch ein Fremdwort– ein Antikörper. Das ist ein Y-förmiges Protein, das der Körperabwehr für gewöhnlich typische Bruchstücke eines Krankheitserregers präsentiert. So wie ein Hund die Fährte eines Ganoven aufnimmt, wenn er an seiner Kleidung geschnuppert hat. Abagovomab soll die Körperpolizei auf die Spur des Eierstockkrebses führen. Als Lockstoff enthält der unter die Haut gespritzte, künstliche Impfstoff einen charakteristischen Abschnitt von Ca-125.

Erste Ergebnisse sind ermutigend. „Der Impfstoff wird exzellent vertragen, und das Immunsystem reagiert“, sagt Jalid Sehouli, Frauenarzt an der Berliner Charité. In einer Studie mit 119 erkrankten Frauen führte die Impfung bei 70 Prozent der Teilnehmerinnen dazu, dass der Körper stärker gegen die Tumorzellen anging. Vor allem: Im Vergleich zu den Nichtgeimpften wurde die Überlebenszeit erheblich verlängert.

Nun muss eine große Untersuchung zeigen, ob Abagovomab die Erwartungen erfüllen kann. Rund 900 Frauen in acht Ländern sollen insgesamt an dieser Studie unter dem Kürzel „Mimosa“ teilnehmen. Nach dem Zufallsprinzip bekommen sie entweder den Impfstoff oder ein wirkstofffreies Scheinpräparat, ein Placebo. Um genau herauszufinden, wie viel die Antikrebsimpfung wirklich bringt.

Voraussetzung zur Teilnahme an der „Mimosa“-Studie ist, dass nach Operation und Behandlung mit herkömmlichen Medikamenten, der Chemotherapie, keine Krebszellen mehr nachweisbar sind. Der Impfstoff soll dann den letzten Rest des Tumors – sofern doch noch vorhanden – beseitigen, die Gefahr eines Rückfalls bannen. Denn leider kehrt der Krebs auch nach einer scheinbar gut verlaufenen Operation mitunter zurück. Vielleicht aber ist damit bald Schluss.

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