Dr. WEWETZER : Kein Zucker für den Krebs

Alte Medikamente bergen mitunter überraschende Möglichkeiten. Das Paradebeispiel ist „Aspirin“ (chemisch: Acetylsalicylsäure).

Dessen Karriere begann als Schmerzmittel, setzte sich bei Herzpatienten fort und kann als Mittel zur Krebsvorbeugung weitergehen. Das zu schrecklicher Berühmtheit gelangte Thalidomid („Contergan“) hat sich in zweiter Instanz unter anderem bei Knochenmarkkrebs bewährt. Dritter im Bunde ist nun Metformin, ein Wirkstoff gegen den Alterszucker, den Typ-2-Diabetes. Vieles deutet darauf hin, dass auch Metformin Krebs in die Schranken weisen kann.

Metformin ist ein bewährtes Uraltmittel, seit rund einem halben Jahrhundert im Einsatz, spottbillig und abgesehen vom blutzuckersenkenden Hormon Insulin wohl das am meisten verschriebene Diabetesmedikament. Anders als Insulin muss es nicht gespritzt, sondern kann geschluckt werden. Der Wirkstoff findet sich in ähnlicher Form im giftigen Bockskraut, das sich mit seiner Hilfe Fressfeinde vom Leib hält. Aus der Giftküche der Natur hat der Mensch Metformin für seine Apotheke stibitzt.

In den letzten Jahren stießen Mediziner immer wieder auf ein merkwürdiges Phänomen. Zuckerkranke, die Metformin-Tabletten einnahmen, erkrankten seltener an Krebs als Diabetiker, die andere Mittel bekamen. Und wenn sie erkrankten, starben die Metformin-Patienten seltener am Tumor.

Wie kann das sein?

„Metformin wirkt an zwei Stellen gleichzeitig gegen den Krebs“, sagt Stephan Herzig, Stoffwechselexperte am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Zum einen über einen allgemeinen Effekt auf den Stoffwechsel: Metformin lässt den Krebs darben, indem es den Blutzuckerspiegel senkt. Auch Insulin kreist weniger im Blut, und das ist womöglich noch wichtiger. Denn Insulin stimuliert das Zellwachstum, was im Fall einer Krebskrankheit mit ohnehin schon vor sich hinwuchernden Geschwulstzellen durchaus unerwünscht ist.

Zum anderen wirkt das Medikament in der Zelle selbst, in gesunden wie in kranken. Es legt einen Energiespar-Schalter mit Namen AMPK um. Die Zelle dimmt den Stoffwechsel auf kleine Flamme hinunter, Wachstum und Zellteilung verringern sich. Zudem gibt es Hinweise, dass Metformin in kranken und möglicherweise gefährlichen Zellen ein Selbstmordprogramm startet und in gesundem Gewebe die riskanten Schäden durch aggressive chemische Verbindungen wie Sauerstoffradikale verringert.

Klingt alles gut, heißt aber nicht, dass die Menschheit nun kollektiv beginnen sollte, zur Krebsvorbeugung Metformin zu schlucken. Bevor es soweit ist – und vielleicht kommt es niemals dahin – muss es gründlich erprobt werden. Möglich, dass Metformin Krebskranken mit viel Insulin im Blut oder mit Insulin-Antennen auf den Krebszellen nützen kann. Wie auch immer, schon jetzt ist klar, dass Stoffwechsel und Krebsleiden stärker verknüpft sind, als man dachte. Zu dieser Erkenntnis hat das Medikament aus dem Bockskraut wesentlich beigetragen.

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