Dr. WEWETZER : Kennedy und die Hoffnung

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Hilfe gegen einen Hirntumor

Hartmut Wewetzer

Es war ein epileptischer Anfall, der die Ärzte auf die Spur brachte. Mit 76 Jahren hatte der amerikanische Senator Edward Kennedy, Bruder des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy, einen Krampfanfall erlitten. Die Ursache war rasch gefunden. Ein Hirntumor in der linken oberen Hirnhälfte, etwa im Scheitelbereich. Am Montag letzter Woche wurde Kennedy an der Klinik der Duke-Universität in Durham operiert. Der Eingriff war nach Angaben seiner Ärzte ein Erfolg.

Geheilt ist Kennedy aber nicht, und seine Chancen stehen nicht besonders gut. Der Politiker leidet an einem malignen Gliom. Das ist ein Hirntumor, der aus Gliazellen entsteht, den Stütz- und Hilfszellen des Gehirns. Gliome bilden zwar in der Regel keine Tochtergeschwülste. Sie wuchern aber diffus und rasch. Deshalb kann man Gliome nicht vollständig entfernen. Zusätzlich zur Operation wird bestrahlt und mit Medikamenten behandelt. Beides soll helfen, den Tumor möglichst lange unter der Decke halten. Trotzdem stirbt die Hälfte der Patienten innerhalb eines Jahres.

Klingt alles ziemlich traurig. Und doch gibt es neue Behandlungsansätze, die Hoffnung geben. Ein Beispiel sind Versuche, gegen den Tumor zu impfen. Ja, Sie haben richtig gehört. Vor einigen Jahren fiel Forschern nämlich etwas Merkwürdiges auf. Ein Erreger aus der Familie der Herpesviren, das Zytomegalievirus, ist in Glioblastomen aktiv, der aggressivsten Variante der Gliome.

An sich ist das Zytomegalievirus eher harmlos, die meisten Menschen hatten in ihrem Leben Kontakt mit dem Erreger. Der „schläft“ in ihrem Körper – und erwacht plötzlich im Hirntumor. So kam Duane Mitchell von der Duke-Universität auf die Idee, mit einer Impfung gegen das Virus zugleich den Tumor zu treffen.

Die ersten Ergebnisse an gut 20 Patienten mit Glioblastom sind ermutigend. Normalerweise drängen Operation, Medikamente und Strahlentherapie den Tumor sechs bis acht Monate zurück. Der Impfstoff verlängert diese Frist auf mehr als ein, in einigen Fällen gar auf mehr als zwei Jahre. Klingt nach wenig. Aber für die Kranken ist es kostbare Zeit.

Ebenfalls an der Duke-Universität haben Forscher um den Neurochirurgen John Sampson eine andere Form der AntiHirntumor-Impfung ausgeklügelt. Sie richten die Zellen der Immunabwehr auf ein Eiweiß mit Namen EGFRvIII ab. Es findet sich nur auf der Oberfläche von Glioblastom-Zellen. Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit der „Körperpolizei“ auf die Tumorzellen gelenkt, diese im Idealfall zerstört.

Erste Ergebnisse einer Impfung an 23 Patienten wurden diese Woche auf dem Kongress der Amerikanischen Gesellschaft für klinische Krebsmedizin in Chicago vorgestellt. Geimpfte lebten im Durchschnitt noch 33 Monate. Kranke mit herkömmlicher Behandlung haben dagegen nur eine Lebenserwartung von 14 Monaten. Jetzt muss der Impfstoff noch gründlich an erheblich mehr Patienten getestet werden. Vielleicht wird einer von ihnen ja Edward Kennedy sein.

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