Dr. Wewetzer : Lücke in der Leiste

Die Leistenbeuge ist eine Schwachstelle, vor allem beim Mann. Im Leistenkanal verläuft der Samenstrang zum Hoden. Bei vielen Männern wird das Bindegewebe im Bereich dieses Kanals im Lauf des Lebens schwach, so dass eine Bruchstelle entstehen kann.

Dr. Hartmut Wewetzer
Dr. Hartmut WewetzerFoto: Tsp

Eingeweide können dann über diese Bruchpforte aus der Bauchhöhle herausgedrückt werden. Man erkennt das an einer weichen Schwellung in der Leistengegend, etwa einer Vorwölbung. Mitunter gelangt eine Darmschlinge bis in den Hodensack, so dass dieser anschwillt.

Für Chirurgen ist der Fall klar: Ein Leistenbruch muss operiert werden. Jedes Jahr werden knapp eine Viertelmillion Bruchpforten von deutschen Chirurgen abgedichtet. Der Eingriff ist ebenso wirksam wie gut verträglich.

Die vielleicht größte Neuerung in der Leistenbruch-Chirurgie ist erstaunlich simpel – und hätte dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) einen Nobelpreis verdient. Früher wurde die Bruchpforte – das Loch in der Bauchwand – durch Nähte verschlossen. Dadurch wurde das Gewebe angespannt, was häufig ziemliche Beschwerden hervorrief. Heute wird der Bruch meist mit einem Netzflicken aus Kunststoffgewebe „spannungsfrei“ abgedichtet. Eine kleine, aber feine Innovation, die schon unzähligen Menschen heftige Schmerzen erspart hat. Der Flicken wird von Reparaturgewebe überwachsen und heilt problemlos ein.

Eine andere Frage ist dagegen nicht entschieden, der Disput wogt hin und her: offen oder geschlossen? Bei der offenen Operation wird der Bruch von außen verschlossen, eine lokale Betäubung reicht meist aus. Bei einem geschlossenen Eingriff mit Hilfe der Schlüssellochchirurgie wird die Bruchpforte von innen abgedichtet, eine Vollnarkose ist erforderlich – und ein erfahrener Chirurg. Jetzt haben holländische Ärzte die Verfahren gegeneinander antreten lassen und festgestellt, dass auf lange Sicht der Eingriff „durch das Schlüsselloch“ besser abschneidet.

Hasan Eker vom Erasmus Medical Center in Rotterdam und seine Kollegen teilten 660 Patienten nach dem Zufallsverfahren in zwei Gruppen auf. Die eine wurde „offen“ nach der bewährten Lichtenstein-Methode operiert, die andere mit der TEP-Technik, einem Verfahren der „minimal-invasiven“ Schlüsselloch-Chirurgie. Bei der TEP-Operation gab es mehr vorübergehende Komplikationen, dafür erholten sich die Patienten schneller und hatten auf Dauer weniger Schmerzen.

Nach fünf Jahren war die Zahl der erneuten Leistenbrüche, also der „Rückfälle“ in beiden Gruppen gleich, etwa jeder 20. Patient war betroffen. Mit einer bedeutsamen Ausnahme, denn wie sich herausstellte, hatten erfahrene Schlüsselloch-Operationen deutlich weniger Rückfälle zu verzeichnen. Deshalb empfehlen die holländischen Mediziner das geschlossene TEP-Verfahren, falls der Chirurg bereits 25 oder mehr Operationen mit dieser Technik vorzuweisen hat. Was keinesfalls heißt, dass die herkömmliche offene Operationstechnik schlecht ist. Sie kommt knapp als zweite ins Ziel.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben