Dr. WEWETZER : Mehr Kälte wagen

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Der Schnupfenmythen zweiter Teil.

Als ich vor kurzem über "Erkältungsmythen" schrieb, bekam ich viele Reaktionen auf meine Behauptung, dass Erkältung nichts mit Kälte zu tun hat, sondern meist virusbedingt ist. Offenkundig habe ich noch nicht alle Leser überzeugt, deshalb starte ich einen zweiten Versuch. Wenn ich Sie nicht mehr bekehren muss, können Sie gleich zu der unterhaltsamen Kolumne am Fuß der Seite wechseln.

Zur Erinnerung: Die meisten Anhänger der Kälte-macht-Erkältung-Theorie sind der Auffassung, dass Kälte das Immunsystem schwächt. Und zwar so sehr, dass die Viren leichtes Spiel haben und die Nasenschleimhäute überrumpeln können. Beispielhaft für diese Argumentation ist ein Zeitungsartikel, der in einem Konkurrenzblatt veröffentlicht und mir von Leser S. zur Prüfung übersandt wurde.

In dem Artikel wird auch die traditionelle chinesische Medizin bemüht, um die Kältetheorie glaubhaft zu machen. "Ein Muss sind Schal oder Rolli zum Schutz der so genannten Windpunkte", heißt es da. "Die sitzen im Nacken und sorgen bei Kälte, Nässe und Wind für einen Absturz des Immunsystems." Ein "Absturz" des Immunsystems durch frische, kühle Luft? Für eine solche Behauptung fehlt der geringste Beleg! "Erkältungen" gibt es auch in heißen Gegenden oder bei schönstem Sommerwetter. Und während bei uns der Winter die Hochsaison für Schnupfen und Grippe ist, ist es in den Tropen die Regenzeit. Das heißt natürlich nicht, dass Schnupfen durch Regen hervorgerufen wird. Der gemeinsame Nenner ist die Tatsache, dass die Menschen in der Winter- wie in der Regenzeit stärker in Innenräumen "aufeinanderhocken" und sich leichter anstecken.

Schon vor 40 Jahren bewiesen Forscher, dass zwischen Frieren und der Anfälligkeit für Schnupfenerreger kein Zusammenhang besteht. Und es kommt noch schlimmer. Nicht einmal mit einer vermeintlichen Immunschwäche hat eine gewöhnliche Erkältung etwas zu tun. Unser Immunsystem kann perfekt in Schuss sein. Trotzdem versagt es manchmal, wenn ein Schnupfenvirus es schafft, auf die Nasenschleimhaut zu gelangen. Dann bekommen wir einen Schnupfen.

Aber warum ist unser Immunsystem so anfällig? Ist es nicht doch geschwächt? Nein, es hat ganz einfach wichtigeres zu tun, als sich um einen banalen Schnupfen zu kümmern. Halten wir uns vor Augen, welche erstaunlichen Leistungen es vollbringt. Ohne eine funktionierende Körperabwehr würden wir innerhalb von Tagen von Billionen von Mikroben überrannt werden, die auf und in uns leben. Wir würden von Tuberkulose, Pilzinfektionen und Lungenentzündung überwältigt werden. Ganz zu schweigen von Krebszellen, die freie Bahn hätten.

All das hält das Immunsystem lautlos von uns fern. Es versteht sich von selbst, dass der Mensch, der nackte Affe, wohl kaum überlebt hätte, wenn seine Körperabwehr bereits durch eine Kältewelle an den Abgrund gebracht worden wäre. Spätestens bei der letzten Eiszeit wäre ein Immunsystem, das "Windpunkte" hat, vom Planeten gefegt worden.

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