Dr. WEWETZER : Muttermilch der Weisheit

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Stillen stärkt den Geist

Hartmut Wewetzer

Stillen ist gesund für Mutter und Kind. Es schützt den Säugling besser vor Krankheiten, bei der Mutter fördert es die Rückbildung der Gebärmutter und soll sogar das Risiko von Brustkrebs und Osteoporose im Alter senken. Deshalb stillt man natürlich nicht, aber ein zusätzlicher Nutzen ist ja auch ganz nett. Jetzt gibt es handfeste Hinweise auf einen weiteren Vorteil der Muttermilch: Kinder, die gestillt werden, sind später fitter im Kopf.

Das ergab eine Studie von Michael Kramer von der McGill-Universität in Montreal, Kanada. Auch bisher gab es schon deutliche Hinweise darauf, dass Stillen die geistige Entwicklung des Babys fördert. Ein Nachteil der Untersuchungen bestand aber darin, dass nicht ausgeschlossen werden konnte, dass stillende Mütter intelligenter waren oder sich mehr um ihre Kinder kümmerten. Das Stillen selbst wäre dann nicht der entscheidende Faktor für höhere Intelligenz. Es wäre nur Begleiterscheinung.

Diesem Fallstrick wichen Kramer und sein Team geschickt aus. Sie bezogen 31 Kliniken in Weißrussland in ihre Studie ein, rund 14 000 Kinder und ihre Mütter nahmen teil. An der einen Hälfte der Krankenhäuser wurde das Stillen mit einem eigenen Schulungsprogramm ausdrücklich unterstützt und gefördert, die andere Hälfte machte so weiter wie gewohnt. Drei Monate nach der Niederkunft stillten „geschulte“ Mütter noch zu 43 Prozent, „ungeschulte“ dagegen nur zu sechs Prozent.

Nach sechs Jahren zogen die Forscher Bilanz. Kinder aus der Gruppe der geschulten Mütter waren nicht nur häufiger und länger gestillt worden. Sie hatten auch einen im Durchschnitt um sechs Punkte höheren Intelligenzquotienten. Auch beim Lesen und Schreiben schnitten sie besser ab, berichten Kramer und seine Mitarbeiter im amerikanischen Fachblatt „Archives of General Psychiatry“. Das ist kein umwerfender, aber ein durchaus bemerkenswerter Effekt.

Muttermilch macht keine Genies. Doch sie hilft dem Kind, seine Fähigkeiten zu nutzen. Zudem hat sie keine Nachteile, sondern ist perfekt auf das Baby und seine Bedürfnisse abgestimmt.

Und dieses Mal kann es nicht daran liegen, dass stillende Mütter von vornherein pfiffiger sind. Denn die Frauen in den zwei Gruppen von Krankenhäusern unterschieden sich nicht – außer darin, dass der einen Hälfte das Stillen ans Herz gelegt wurde.

Bleibt die Frage, warum gestillte Kinder einen Hauch schlauer sind, jedenfalls im statistischen Durchschnitt. Liegt’s am Getränk? Muttermilch enthält mehr langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren als Flaschenmilch, zudem einen bestimmten Wachstumsfaktor. Ob die Zusammensetzung der Milch ausschlaggebend ist, ist jedoch unklar. Noch anderes ist anscheinend im Spiel. Es könnte auch der engere und häufigere Kontakt zwischen Mutter und Kind sein, der der geistigen Entwicklung förderlich ist. Also eine Art Kuschelfaktor. Wie auch immer – der Intelligenzstupser ist ein gewichtiges Argument mehr dafür, dem Baby die Brust zu geben.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben