Dr. WEWETZER : Poltergeist im Bauch

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Was beim Reizdarm hilft

Hartmut Wewetzer

Es zwickt, es bläht, es krampft. Wer unter einem Reizdarm zu leiden hat, den plagen vielerlei Beschwerden rund um den Nabel. Die Patienten haben nicht selten Verstopfung oder Durchfall. Typisch sind Schmerzen in Zusammenhang mit der Darmentleerung. Und Erleichterung, wenn das „Geschäft“ erledigt ist. Je nach Schätzung quält sich weltweit jeder fünfte bis zehnte mit seiner Verdauung herum und ist ein Kandidat für das Reizdarm-Syndrom.

Der Reizdarm hat keine handfeste körperliche Ursache. Es gibt kein Virus, kein Geschwür, keinen Tumor, der dahinter steckt. Die Störung ist lästig, aber verkürzt das Leben nicht um einen einzigen Tag. Das ist tröstlich. Trotzdem quält viele Betroffene die Angst, hinter dem Reizdarm-Syndrom könnte sich Krebs oder ein anderes schweres Leiden verbergen. Und so gehen sie von Arzt zu Arzt und absolvieren Untersuchung um Untersuchung. Etliche Patienten haben mehrere Darmspiegelungen hinter sich. „Da muss doch etwas sein“, denken sie. Auch wenn sich nichts finden lässt.

Eine simple Pille, die das Problem löst, existiert nicht. Immerhin aber einige Behandlungsansätze, die den Patienten helfen können. Eine besteht darin, „Probiotika“ einzunehmen. Das sind Präparate mit bestimmten Bakterienkulturen. Denn mitunter kommt es nach einer Durchfallerkrankung zu einem Reizdarm – möglicherweise, weil sich die „falschen“ Bakterien auf der Darmwand festgesetzt haben. Die Probiotika sollen das Ökosystem im Darm wieder ins Gleichgewicht bringen. „Die wissenschaftlichen Studien mit Probiotika haben noch Mängel“, sagt Stefan Müller-Lissner, Reizdarm-Experte an der Park-Klinik in Berlin-Weißensee. „Aber trotzdem kann man einen Behandlungsversuch unternehmen.“

Abführmittel können den trägen und Präparate gegen Durchfall den hyperaktiven Darm regulieren. Daneben gibt es noch ein auf den ersten Blick überraschendes Mittel beim Reizdarm-Syndrom: Medikamente gegen Depressionen, in niedriger Dosis. Bestimmte depressionslösende Mittel beeinflussen den Stoffwechsel des Nerven-Botenstoffs Serotonin. Und Serotonin ist auch ein wichtiger Botenstoff im Darm. Hier können die Medikamente die Schmerzen, Durchfall und andere Symptome lindern.

Stress und bestimmte Nahrungsmittel vergrößern die Probleme mit der Verdauung. Deshalb ist es empfehlenswert, seine Ernährung zu prüfen und auszutesten, ob man vielleicht manches nicht verträgt. Häufig wird zudem die Einnahme von Ballaststoffen empfohlen – doch das kann nach hinten losgehen. „Viele Patienten vertragen Ballaststoffe nicht so gut“, sagt Müller-Lissner. „Ballaststoffe können dazu beitragen, dass Gase im Darm gebildet werden, die wiederum Blähungen verursachen.“

Gar nicht so selten, so hat der Darmspezialist festgestellt, findet sich Süßstoff etwa in Kaugummis als Übeltäter, der hinter Blähungen und Durchfall steckt. Zumindest in diesem Fall ist rasche Linderung für den gequälten Darm in Sicht.

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