Dr. WEWETZER : PSA-Test: Besser als sein Ruf

Hartmut Wewetzer

Die Früherkennung von Prostatakrebs mit Hilfe des PSA-Tests aus dem Blut ist in Verruf geraten. Grund dafür sind zwei Untersuchungen, die im Frühjahr 2009 erschienen und bei denen sich herausstellte, dass der Nachweis allenfalls mäßig erfolgreich ist, wenn überhaupt. Mit der Lust von Kindern, die eine sorgfältig errichtete Sandburg im Nu zerstören, demontierten Journalisten und Medizinstatistiker den PSA-Test. Auch die Deutsche Krebsgesellschaft urteilte, dass er nicht für die Früherkennung geeignet sei.

Vielleicht muss diese Meinung nun revidiert werden. Der PSA-Test ist vermutlich besser als sein ramponierter Ruf. Darauf deutet eine Studie aus Schweden hin, die dieser Tage im Fachblatt „Lancet Oncology“ erschienen ist. Dabei stellte sich heraus, dass der Früherkennungstest die Zahl der Todesfälle durch Prostatakrebs fast halbieren kann.

An der Studie nahmen rund 20 000 Schweden im Alter zwischen 50 und 65 teil, deren Schicksal über immerhin 14 Jahre weiter verfolgt wurde. Die eine Hälfte wurde alle zwei Jahre zum PSA-Test eingeladen, die andere diente als Kontrollgruppe und machte keinen Test. Insgesamt wurde in der PSA-Gruppe bei 11,4 Prozent der Männer Prostatakrebs festgestellt, in vier von fünf Fällen durch die Früherkennung. In der Kontrollgruppe hatten 7,2 Prozent Prostatakrebs. Knapp 300 Männer müssen zu der Früherkennung eingeladen und bei zwölf muss Prostatakrebs festgestellt werden, um einen Todesfall durch das Leiden zu verhüten. Zwölf zu eins: Das zeigt, dass der Test öfter falschen Alarm schlägt – allerdings nicht so häufig, wie bislang gedacht und in der Größe durchaus vergleichbar mit der „Überdiagnose“ bei der Brustkrebs-Früherkennung. Da liegt das Verhältnis bei zehn zu eins.

Einer der Gründe für den größeren Erfolg des Tests in dieser neuen Veröffentlichung ist die längere Dauer der Studie. Eine bösartige Geschwulst in der Prostata wächst meist mehr als zehn Jahre, bis sie wirklich bedrohlich wird. Erst jenseits dieser Zeitspanne zeigt sich also der Nutzen des PSA-Tests – weil die Tumoren frühzeitig erkannt und eliminiert wurden. Umgekehrt heißt das: Ein Mann, dessen Lebenserwartung vermutlich weniger als zehn Jahre beträgt, für den ist die Teilnahme an der Früherkennung eher eine nutzlose Späterkennung.

„Beeindruckend“ findet Michael Stöckle, Urologe an der Uniklinik des Saarlandes, die Ergebnisse. Stöckle hat bereits früher den PSA-Test verteidigt und sieht sich nun bestätigt. Er ist überzeugt, dass die Früherkennung noch wirksamer und womöglich lebensrettender wäre, wenn sich mehr Männer ab 50 beteiligen würden. Denn die Untersuchung hat ergeben, dass bei der Hälfte der Männer, die an Prostatakrebs starben, bereits der erste PSA-Test auf die Spur des Tumors führte. Viele dieser Männer waren da schon 60 oder älter. Wären sie bereits mit 50 getestet worden, wäre der Krebs vielleicht noch heilbar gewesen.

PSA-Test oder nicht? Ich werde mir das nun genau überlegen.

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