Dr. WEWETZER : Rheumapille mit Zeitzünder

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Hilfe bei steifen Gelenken

Hartmut Wewetzer

Der Volksmund nimmt es meist nicht so genau mit den medizinischen Details. Wenn die Knie knacken oder es im Rücken ziept, dann hat man „Rheuma“. Hat man aber meist nicht, zumindest nicht im medizinisch korrekten Sinn. Denn „Rheuma“ ist ein Überbegriff für eine Reihe von Krankheiten, keine simple Abnutzungserscheinung der Knochen.

Das wichtigste Rheumaleiden ist die rheumatoide Arthritis. Bei dieser Krankheit wird der Gelenkknorpel von hyperaktiven Abwehrzellen attackiert und zerfressen. Die Patienten leiden unter geschwollenen, schmerzenden und – vor allem morgens – steifen Gelenken. Jetzt ist es Ärzten gelungen, mit einem altbekannten Wirkstoff die quälende Morgensteife in den Knochen deutlich zu mildern.

Wahrscheinlich sind zu einem wesentlichen Teil körpereigene Botenstoffe, Zytokine genannt, die Übeltäter beim Rheuma. Bestimmte Zytokine kreisen in den frühen Morgenstunden vermehrt im Blut und heizen den Schwelbrand in den Gelenken an. So sehr, dass diese morgens unbeweglich sind und schmerzen.

Seit Jahrzehnten werden rheumatische Beschwerden mit Kortison-Präparaten bekämpft. Die haben zwar ihre Tücken, doch lassen sich die Nebenwirkungen durch möglichst niedrige Dosierung und Gegenmaßnahmen inzwischen meist recht gut beherrschen. Kortison unterdrückt die Zytokine und dämpft so die Gelenkentzündung. Das Problem war bisher, dass die Patienten ihre Kortison-Tablette morgens einnahmen. Also dann, wenn die Beschwerden am größten waren, es also eigentlich für das Medikament schon zu spät war.

An dieser Stelle kommt der Rheumaexperte Frank Buttgereit von der Berliner Uniklinik Charité ins Spiel. Gemeinsam mit der Pharmafirma Merck und einem deutsch-polnischen Ärzteteam tüftelte Buttgereit eine neue Hülle für ein altes Medikament aus. Der Clou des Präparats mit dem Kortison-Wirkstoff Prednison ist, dass in den Mantel der Pille Flüssigkeit eindringt. Sie lässt die Hülle nach vier Stunden platzen und gibt dann das Prednison frei – Medizin mit Zeitzünder.

Bei Patienten, die abends um zehn ihre Rheumapille schlucken, entfaltet sich die Wirkung also erst morgens um zwei. Und damit genau dann, wenn die Zytokine verrückt spielen und die Gelenkentzündung anstacheln.

Buttgereit und Kollegen berichten im Fachblatt „Lancet“ über die dreimonatige Erprobung des neuen Präparats bei knapp 300 Patienten. Es stellte sich heraus, dass es die morgendliche Gelenksteife um eine halbe Stunde verkürzte.

„Der Effekt hält auch noch Monate später an und verstärkt sich sogar“, berichtet Buttgereit. Denkbar ist zudem, das Mittel – es soll unter dem Namen „Lodotra“ in einigen Monaten zugelassen werden – auch bei anderen Krankheiten einzusetzen, bei denen Zytokine ebenfalls ihr nächtliches Unwesen treiben. Dazu zählen die Polymyalgie, eine mit Muskelschmerzen einhergehende Gefäßentzündung, und schwere nächtliche Asthmaanfälle. Wozu eine neue Verpackung so alles gut sein kann …

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