Dr. Wewetzer : Ruhe im Vorhof

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Hilfe bei Herzstolpern.

Hartmut Wewetzer
Dr. Hartmut Wewetzer -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sie haben keine Energie. Sie können nicht arbeiten. Sie haben eine sehr schlechte Lebensqualität.“ Mit diesen Worten beschreibt David Wilber, Herzspezialist an der Loyola-Universität in Chicago, den Zustand von Menschen mit Vorhofflimmern. Ein Eindruck, den Dietrich Andresen vom Berliner Vivantes-Klinikum Am Urban bestätigt. „Die Leute leiden“, sagt der Kardiologe. „Das Herz stolpert, und an schlechten Tagen kommen die Patienten kaum die Treppen hoch.“ Ein paar mehr gute Tage verspricht eine Radiofrequenz-Behandlung, über die David Wilber im Fachblatt „Jama“ berichtet.

Etwa jeder Hundertste leidet an Vorhofflimmern, wobei die Störung mit den Jahren deutlich häufiger wird. Hoher Blutdruck und verkalkte Herzkranzgefäße sind die Ursache für die „kranken“ Herzvorhöfe. Durch das extrem schnelle Flimmern der Vorhöfe ist keine geordnete Übertragung der elektrischen Erregung auf die Herzkammern möglich.

Die Folge ist ein unregelmäßiger Herzschlag, der den Kreislauf stark beeinträchtigen kann. Meist sind tückische Extraschläge Auslöser des Vorhofflimmerns. Die Extraschläge entstehen im Eingangsbereich der Lungenvenen, welche das sauerstoffreiche Blut aus den Lungen in den linken Herzvorhof leiten. Medikamente sollen das Vorhofflimmern unterdrücken, doch gelingt das oft nicht. Die RadiofrequenzTherapie, medizinisch Ablation genannt, setzt dagegen bei der Ursache an. Bei der Ablation wird zunächst durch einen dünnen Schlauch, Katheter genannt, ein „Stromkabel“ bis zu den vier Lungenvenen vorgeschoben und der Zufluss der Blutgefäße in den Vorhof mit einem milden Hitzestrom ringförmig „verödet“. Der elektrische Unruheherd wird so befriedet. „Das ist wie Punktschweißen“, sagt der Berliner Herzspezialist Andresen. Das Herz schlägt wieder im Takt, wenn alles gut geht.

Der US-Kardiologe Wilber und seine Mitarbeiter behandelten 167 Patienten mit anfallsweisem Vorhofflimmern, bei denen eine erste Medikamentenbehandlung versagt hatte. Ein Drittel der Patienten mit Herzstolpern wurde weiterhin mit Medikamenten behandelt, um einen Vergleich zu ermöglichen. Das Ergebnis fiel klar zugunsten der Ablation aus. Nach neun Monaten waren noch zwei von drei katheterbehandelten Patienten frei von unregelmäßigem Herzschlag und einschlägigen Beschwerden. Medikamente führten dagegen nur bei 16 Prozent zum Erfolg.

Trotzdem bleiben noch Fragen. So ist noch nicht genau geklärt, welche Patienten genau für die Ablation infrage kommen, wann die Behandlung erfolgen sollte und ob sie möglicherweise lebensverlängernd ist. Auf der anderen Seite muss auch die Gefahr von Komplikationen weiter untersucht werden – die mehrstündige Prozedur kann das Entstehen von Blutgerinnseln fördern, die einen Schlaganfall auslösen können. Eine große Studie mit 3000 Patienten unter dem Namen „Cabana“ soll die Antwort liefern. Bis Ergebnisse vorliegen, wird es allerdings noch Jahre dauern.

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