Dr. Wewetzer : Rund und gesund

Es vergeht keine Woche, in der man nicht aus den Medien erfährt, wie schlimm angeblich Übergewicht für die Gesundheit ist. .

Ich kann Sie aber beruhigen: Menschen mit leichtem Übergewicht haben eine höhere Lebenserwartung als Normalgewichtige. Also lassen Sie sich nicht verrückt machen! Die Einteilung in „normal“ und „übergewichtig“ ist ziemlich willkürlich und medizinisch von eher geringem Wert.

Anders sieht es aus, wenn man die Grenze vom Übergewicht zur Fettsucht, medizinisch Adipositas, überschreitet. Hier steigt das Gesundheitsrisiko mit den Kilos an. Aber es gibt auch für Beleibte eine Möglichkeit, trotz der zu vielen Pfunde auf der Höhe zu bleiben – bewegen Sie sich! Jüngster Beleg dafür ist eine Studie aus den USA, an der 43 000 Menschen aller Gewichtsklassen über einen Zeitraum von maximal 14 Jahren teilnahmen.

Die Wissenschaftler um Francisco Ortega von der Universität von Granada teilten die Fettsüchtigen unter den Versuchspersonen in zwei Gruppen ein: jene mit Gesundheitsproblemen wie erhöhtem Blutzucker, Diabetes, hohem Cholesterin oder Blutdruck und in jene, deren Stoffwechsel in Ordnung war. Letztere – dick und gesund – machten knapp die Hälfte der Fettsüchtigen aus. Es stellte sich heraus, dass diese Gruppe sich vor allem dadurch auszeichnete, dass sie körperlich fit und gut trainiert war. Das Risiko, an Krebs oder einem Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken, war um 30 bis 50 Prozent geringer als bei den „ungesunden“ Dicken. Bedeutsame Unterschiede zu normalgewichtigen Studienteilnehmern mit intaktem Stoffwechsel gab es dagegen nicht. Wer sich viel bewegt, kann also mehr wiegen – so jedenfalls das Ergebnis der im „European Heart Journal“ veröffentlichten Studie.

Genauso bedeutsam ist eine zweite Untersuchung, die im selben Heft erschienen ist. Sie beschäftigt sich mit dem als Fettsucht-Paradox bekannten Phänomen, dass chronisch Kranke mit Übergewicht oder gar Fettsucht bessere Überlebenschancen haben als Menschen mit „normalem“ Körpergewicht. Wer mehr wiegt, hat in Krankheitszeiten mehr zuzusetzen, lautet eine Erklärung.

Die neue Studie von Oskar Angeras von der Universität Gothenburg in Schweden bestätigt das eindringlich. Angeras und seine Kollegen werteten Daten von mehr als 64 000 schwedischen Patienten aus, die zwischen Mai 2005 und Dezember 2008 wegen eines Infarkts oder eines anderen Herzleidens untersucht worden waren.

Wie sich im Abstand von bis zu drei Jahren nach der Untersuchung herausstellte, erwies sich auch bei diesen Patienten das Fettsucht-Paradox als zutreffend. „Das geringste Risiko zu sterben hatten jene, die übergewichtig oder fettsüchtig waren“, erläutert Angeras. „Ihr Körpermasse-Index (BMI, Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat) lag zwischen 26,5 und 35.“ Ich bin gespannt, wann solche Ergebnisse endlich ernst genommen werden. Auch wenn sie nicht ins Bild vom „gefährlichen“ Übergewicht passen.

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