Dr. Wewetzer : Schall und Bauch

Es war eigentlich nur eine Routineuntersuchung. Aber als der Hausarzt mit dem Ultraschallgerät die Nieren meines Verwandten untersuchte, stutzte er. „Das gefällt mir nicht“, sagte er.

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Ultraschallbild zeigte einen merkwürdigen Knubbel in der Niere, und damit war der Verdacht klar: ein Tumor. Er bestätigte sich, als man das Gewächs bald darauf in einer Operation entfernte. Es war Nierenzellkrebs, der mit ziemlicher Sicherheit durch den Eingriff geheilt wurde. Der mit Ultraschall bewehrte Hausarzt hat meinem Verwandten wahrscheinlich das Leben gerettet. In früheren Zeiten hätte er dagegen vermutlich schlechte Karten gehabt, die Geschwulst wäre zu spät entdeckt worden.

Seien es Herz, Leber oder Gebärmutter – die moderne Ultraschalltechnik liefert mittlerweile hochgenaue Bilder aus dem Körperinneren, die an Details Computer- und Magnetresonanztomografie übertreffen können und den Organismus nicht mit Strahlung belasten. Man ist geneigt, das für selbstverständlich zu halten, aber der Weg dahin war lang. Er begann in der Antike. Der Legende nach lauschte der griechische Philosoph Pythagoras vor 2500 Jahren dem Hämmern eines Schmieds und kam auf die Idee, den Schall zu messen. Er entwarf ein Sonometer, mit dem man auf einer Saite gezupfte Töne mathematisch bestimmen, also „messen“ konnte. 2000 Jahre später war es Leonardo da Vinci, der mit einem ins Wasser getauchten Rohr Schiffsgeräusche abhorchte.

Im Zweiten Weltkrieg spürte man U-Boote mit Sonargeräten auf. Sie warfen zuvor vom Messgerät ausgesandte Schallwellen zurück, gaben ein „Echo“. Warum nicht auf ähnliche Weise Krankheitsherde im Körper orten? Schließlich ist der Organismus zum größten Teil „flüssig“, also stark wasserhaltig, von den Knochen abgesehen. Vor 70 Jahren veröffentlichte der Wiener Nervenarzt Karl Dussik als erster eine Untersuchung, in der der Einsatz des Ultraschalls am Menschen beschrieben wurde. Dussik war seiner Zeit weit voraus. Erst die „Heirat“ des Ultraschalls, medizinisch Sonografie genannt, mit dem Computer brachte in den 1980er Jahren den Durchbruch.

Handliche Ultraschallgeräte gehören heute in vielen Arztpraxen zum Standard, aber die Technik bleibt nicht stehen. „Inzwischen ist es möglich, eine zuvor gemachte Computertomografie-Aufnahme mit einer Ultraschalluntersuchung zu verschmelzen“, berichtet Thomas Fischer, Spezialist an der Berliner Charité. „Und mithilfe von Kontrastmitteln für die Ultraschalluntersuchung können wir Krankheiten sehr viel genauer auf die Spur kommen.“

Einen Haken hat die Sache natürlich auch. Es ist leichter, zu röntgen als zu „schallen“ – wer mit Ultraschall untersucht, braucht eine gründliche Ausbildung und viel Erfahrung. Sie zu vermitteln, wird im Krankenhaus immer schwieriger. Thomas Fischer plädiert deshalb dafür, in Kliniken Sonografie-Assistenten einzusetzen. Also nicht ärztliche Mitarbeiter, die sich ausschließlich dem Ultraschall widmen. Denen entgeht bestimmt keine kranke Niere.

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