Dr. Wewetzer : Skalpell gegen Diabetes

Starkes Übergewicht kann krank machen. Wenn keine Diät mehr anschlägt und die Gesundheit in Gefahr ist, hilft das Skalpell.

Nach einer Operation der Fettsucht purzeln die Pfunde. Bewährt haben sich zwei Verfahren: der Magen-Bypass, bei dem der größte Teil des Magens umgangen wird und nur noch eine Sackgasse darstellt. Außerdem die Magenverkleinerung. Aus dem Ball wird eine Banane, ein Schlauchmagen. Einfacher als diese recht aufwendigen Eingriffe ist das Anbringen eines Bands, das den Mageneingang abschnürt. Aber das hat seine Tücken. Es verlangt Disziplin, denn man kann es „betrügen“. Cola, Milchshakes, Gummibärchen oder Chips passieren es ohne Probleme. Das macht den Erfolg zunichte.

Die Operation lässt nicht nur den Fettpanzer schmelzen. Sie kuriert Folgekrankheiten wie „Alterszucker“ (Typ-2-Diabetes), erhöhte Blutfette, Bluthochdruck oder nächtliche Atemaussetzer und bewahrt die Patienten vor einem frühen Tod, sagt der Chirurg Jürgen Ordemann, Spezialist für Fettsucht(Adipositas)-Behandlung an der Berliner Charité. Eindrucksvoll belegen das zwei Untersuchungen aus den USA und Italien, die diese Woche im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden. Stark Übergewichtige, deren Blutzucker entgleist war, wurden entweder intensiv betreut und mit Medikamenten behandelt oder zusätzlich operiert. Meist wurde eine Magen-Umgehung gelegt oder ein Schlauchmagen erzeugt.

Bilanz nach einem Jahr in der US-Studie: In der nicht operierten Patientengruppe betrug der Gewichtsverlust im Mittel fünf Kilogramm. Nicht schlecht, aber nicht genug. Die Operierten hatten dagegen knapp 30 Kilogramm (Magen-Umgehung) oder 25 Kilogramm (Schlauchmagen) verloren und nach zwölf Monaten nur noch leichtes Übergewicht. Wer operiert war, benötigte zudem weniger Medikamente und hatte seinen Diabetes fast völlig im Griff. Ähnlich sah es in der italienischen Studie aus. „Wenige Stunden nach der Operation verbessert sich der Diabetes bereits“, sagt der Chirurg Ordemann. Der Nebeneffekt – Behandlung der Zuckerkrankheit – wird so zum Haupteffekt. Denn Diabetes hat es in sich. Die Krankheit setzt Blutgefäßen und Nerven zu und schädigt Herz, Hirn, Nieren und Augen. Der chirurgische Eingriff entfaltet seine Anti-Diabetes-Wirkung vermutlich nicht nur über den Gewichtsverlust, sondern auch über Hormone des Verdauungstrakts. Wie genau das passiert, ist noch ungeklärt.

Essen hält Leib und Seele zusammen, und die Operation verändert mit dem Leib auch die Seele. Manche Patienten verlieren zusätzlich zu Dicksein und Diabetes ihre Depression und durchbrechen ihre Isolation. Andere dagegen fürchten, nicht mehr schlemmen zu können oder es macht ihnen zu schaffen, dass sich ihr Geschmackssinn wandelt und richtig zu essen neu trainiert sein will. Psychologen und Ernährungsberater können helfen. Doch mangelt es noch an Verständnis, etwa bei den Krankenkassen, kritisiert Ordemann. Die Deutschen müssen ihr Herz für die Dicken erst noch entdecken.

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