Dr. WEWETZER : Was das Genom verrät

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Bei manchen Krankheiten ist man erblich vorbelastet

Hartmut Wewetzer

Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist fast 90, putzmunter für sein Alter – und pafft noch immer wie ein Schlot. Andere Raucher erkranken an Lungenkrebs oder erleiden einen Herzinfarkt, kaum dass sie halb so alt sind. Warum stirbt der eine an der Virusgrippe, während ein anderer nach ein paar Tagen wieder wohlauf ist? Die Lotterie des Lebens hat die Risiken ungleich verteilt.

Vieles spricht dafür, dass unsere Anfälligkeit für Krankheiten zu einem wesentlichen Teil in unseren Erbanlagen verankert ist. Genauso wie unser Geschlecht oder Merkmale unserer Persönlichkeit wie Intelligenz, Aussehen und Körperbau. Wer in seinem Erbgut, dem Genom, „lesen“ könnte, könnte viel darüber erfahren, welche Krankheiten ihm drohen. Ob er ein erhöhtes Risiko für Schlaganfall, Darmkrebs oder Zuckerkrankheit hat. Und sich entsprechend wappnen.

Auf dem Weg zum Buch des Lebens – sprich: dem lesbaren Genom – für jedermann ist die Medizin schon ein gutes Stück vorangekommen. Den Anfang machte die Entzifferung des menschlichen Erbguts vor fünf Jahren. Seitdem hat sich viel getan. Inzwischen kann man die drei Milliarden biochemischen Buchstaben unserer Erbinformation nicht nur ablesen. Man beginnt auch, sie zu verstehen und ihre Tragweite zu erfassen. Die größte Herausforderung sind dabei komplexe Krankheiten wie Krebs Gefäßverkalkung und Diabetes. Komplex deshalb, weil neben Umwelteinflüssen viele verschiedene Erbanlagen an ihrer Entstehung beteiligt sind. Winzige Unterschiede im Genom, die Abweichung bei einzelnen Buchstaben, können Schicksal spielen.

Bekanntes Beispiel für ein vererbtes Krankheitsrisiko sind die Brustkrebsgene BRCA-1und -2. Frauen mit gefährlichen Genvarianten erkranken häufig früh im Leben an Brustkrebs. Der Test macht Vorsorge möglich, zum Beispiel regelmäßige Früherkennung. In der letzten Zeit haben Forscher Indizien dafür gefunden, dass bei vielen anderen häufigen Krankheiten die Gene ihre Hand im Spiel haben. Etwa bei Prostatakrebs, der Neigung zu Blutgerinnseln (Thrombosen) und Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Vor allem in Amerika bieten Firmen bereits einen Gen-Check für jedermann an. Aber dafür ist es zu früh. Denn es bedarf gründlicher Analysen und Studien, um wirklich solide Aussagen über den Zusammenhang von Erbanlagen und Krankheitsrisiko zu treffen. Im Fall der Brustkrebsgene brauchte man dazu ein Jahrzehnt. Andernfalls versetzt man Menschen unnötig in Angst und Schrecken.

Manche Revolutionen brauchen Zeit. „Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt“, prognostizierte Thomas Watson, Chef des Büromaschinenherstellers IBM, 1943. So kann man sich irren. Damals waren Computer in etwa so häufig wie heute vollständig entzifferte Erbanlagen einzelner Menschen, etwa die des Biotechnik-Pioniers Craig Venter.

Vielleicht haben wir in 20 Jahren alle unser eigenes Genom in der Tasche und können in ihm lesen. Mithilfe eines Computers, versteht sich.

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