Dr. WEWETZER : Weg mit dem Eiweißmüll

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Die Anti-Alzheimer-Arznei

Hartmut Wewetzer

Sind Sie bereit für ein Fremdwort? Es geht um eine Substanz mit Namen Beta-Amyloid. Gewissermaßen der Stoff, aus dem Alpträume sind. Der Eiweißmüll, der sich bei Alzheimer-Patienten im Gehirn ansammelt, besteht nämlich hauptsächlich aus Beta-Amyloid. „Plaques“ heißen die harten, mikroskopisch kleinen Eiweißklumpen. Sie sind das reinste Gift für unsere Nervenzellen. Die Plaques stören den Informationsaustausch der Nervenzellen im Gehirn und führen schließlich zu ihrem Absterben. Typisch für Alzheimer. Deshalb tüfteln Wissenschaftler schon lange an einer Methode, um Beta-Amyloid zu verringern. „Anti-Amyloid“ heißt diese Stoßrichtung in der Alzheimer-Behandlung.

Jetzt ist ein entsprechender Wirkstoff bei Menschen mit Alzheimer getestet worden, mit zum Teil durchaus ermutigenden Ergebnissen. Die Substanz heißt Flurizan. Sie bremst die Produktion von Beta-Amyloid im Gehirn.

Gordon Wilcock von der Universität Oxford testete gemeinsam mit seinem Team Flurizan bei 210 Alzheimer-Patienten im Frühstadium sowie im etwas fortgeschrittenem „moderaten“ Stadium. Ein Drittel der Kranken bekam 400 Milligramm Flurizan zweimal am Tag, ein Drittel 800 Milligramm und ein Drittel ein Scheinmedikament (Placebo). Nach einem Jahr stellte sich heraus, dass bei den Alzheimer-Patienten im Frühstadium die höhere Arzneidosis den Abbau normaler täglicher Aktivitäten um 46 und den allgemeinen Abbau um 36 Prozent verlangsamt hatte. Verglichen mit jenen Kranken, die nur das Scheinmedikament bekommen hatten.

Das ist ein Erfolg. Aber zugleich stellten die Ärzte fest, dass die Alzheimer-Kranken im etwas fortgeschrittenem Stadium praktisch nicht von dem Medikament profitierten. Zudem zeigte sich, dass Flurizan den geistigen Verfall nicht aufhalten konnte. Ein Wundermittel ist der Wirkstoff also nicht. Trotzdem strebt der Hersteller eine Zulassung an. Dazu ist es erforderlich, das Mittel noch bei erheblich mehr Patienten zu testen.

„Verhaltener Optimismus ist durchaus angebracht“, sagt die Alzheimer-Spezialistin Isabella Heuser von der Berliner Charité. „Aber für eine durchschlagende Behandlung müssen wir offenbar noch mehr in Betracht ziehen als den Kampf gegen das Amyloid.“ Bereits als Alzheimer-Medikamente zugelassen sind Substanzen, die den „guten“ Botenstoff Acetylcholin im Gehirn erhöhen oder die Wirkung des bei Alzheimer überaktiven „bösen“ Botenstoffs Glutamat bremsen. Wenn es gut läuft, können diese Medikamente das Fortschreiten der Krankheit um einige Monate aufhalten.

Bei der Suche nach Alzheimer-Arzneimitteln zeigt sich das gleiche Problem wie in der Krebsmedizin. Die Forscher wissen schon recht gut über die Krankheit Bescheid. Auf der Basis dieses Wissens werden Medikamente entwickelt, die im Reagenzglas oder im Tierversuch hervorragend wirken. Aber sobald sie im Ernstfall, beim Menschen, erprobt werden, sind die Ergebnisse ziemlich ernüchternd. Ein Grund zum Aufgeben? Natürlich nicht. Eher im Gegenteil.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben