Dr. WEWETZER : Wem die Chemo nützt

Chemotherapie gegen Krebs gehört zu den einschneidenden Behandlungsmethoden. Die Medikamente greifen Zellen an, die sich schnell teilen. Dabei unterscheiden sie nicht zwischen krankem und gesundem Gewebe. .

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Nebenwirkungen sind nur zu bekannt: Haarausfall, eine gestörte Blutbildung, Schleimhautentzündungen, Erschöpfung und manches mehr. Die Chemotherapie wird üblicherweise nach der Operation des Tumors verabreicht, um das Risiko einer Rückkehr des Krebses herabzusetzen. Wie aber sieht es mit den erwünschten Wirkungen aus, wie sinnvoll ist die „Giftdusche“ für Krebszellen?

An der Universität Oxford gibt es eine Gruppe von Wissenschaftlern, die seit fast drei Jahrzehnten untersucht, wie groß die Erfolge bei Brustkrebs sind. Jetzt haben die Forscher eine umfassende Auswertung von 123 Chemotherapie-Studien vorgelegt, an denen insgesamt 100 000 Frauen beteiligt waren.

Das wichtigste Ergebnis der im Fachblatt „Lancet“ veröffentlichten Untersuchung: Die Chemotherapie verringert die Gefahr, dem Brustkrebs zu erliegen, um ein Drittel – verglichen mit Frauen, die nach der Operation keine ergänzende Chemotherapie bekommen. Dabei spielt das Alter der Frau ebenso wenig eine Rolle wie die Tumorgröße, seine Ausbreitung in die Lymphknoten oder die Empfänglichkeit für eine Hormontherapie. Immer ist die Sterblichkeit an Brustkrebs um ein Drittel verringert. In den 80er Jahren lag die Erfolgsquote noch bei 20 bis 25 Prozent, neue Medikamente und verbesserte Behandlungsrichtlinien haben seitdem das Sterberisiko noch einmal um ein Sechstel reduziert.

„Heute können wir 70 Prozent aller Frauen vom Brustkrebs heilen“, sagt Christiane Richter-Ehrenstein, Gynäkologin am Interdisziplinären Brustzentrum der Berliner Uniklinik Charité. Noch vor 20 Jahren war es nur möglich, jede zweite Patientin von der Krankheit zu befreien. Etwa jede zweite Frau, die an dem Tumor erkrankt ist, bekommt heute eine Chemotherapie. Manche von ihnen, ohne dass es ihr einen eindeutigen Nutzen bringt. „Zehn bis 15 Prozent der Frauen, die eine Chemotherapie erhalten, hätten sie nicht gebraucht“, sagt Richter-Ehrenstein.

Vor allem jüngeren Patientinnen mit aggressiv wachsenden Tumoren nützt die Behandlung eindeutig. Bei älteren mit nur langsam wachsender Geschwulst ist die Therapie jedoch kaum von Nutzen. Diese Frauen brauchen keine „Chemo“. Etwa 60 Prozent der Patientinnen liegen aber zwischen diesen beiden Extremen, bei ihnen kann die Entscheidung schwierig sein.

Um Patientinnen eine unter Umständen unnötige und zudem teure Chemotherapie zu ersparen, hoffen viele Mediziner auf genetische Untersuchungen. Dabei wird anhand der Analyse von einigen Dutzend Erbanlagen ein Täterprofil der Krebszelle erstellt. Dieses genetische Profil soll Auskunft darüber geben, ob eine Chemotherapie Erfolg verspricht. Allerdings müssen diese Tests noch auf eine verlässliche Grundlage gestellt werden. Schließlich steht viel auf dem Spiel.

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