Dr. WEWETZER : Wurzel des Übels

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Isländer auf Genjagd

Hartmut Wewetzer

Irgendwo tief in unseren Erbanlagen steckt die Ursache von Krankheiten wie Rheuma, Diabetes, Gefäßverkalkung und Krebs, um nur einige wichtige Leiden zu nennen. Wenn es uns gelänge, die genetische Wurzel des Übels zu finden, könnte man neue, maßgeschneiderte Wirkstoffe finden. Oder gezielt vorbeugen, wer weiß?

Noch liegt dieses Ziel in der Ferne. Aber das Netz um die Gene für weit verbreitete Krankheiten zieht sich zusammen, wie kürzlich das Fachblatt „Science“ feststellte. Das menschliche Erbgut wird immer weiter erforscht, die Kosten für die Entzifferung der Erbinformation DNS sinken rapide. Damit ist es möglich, die Gene vieler verschiedener Menschen zu vergleichen und Unterschiede mit Krankheitsrisiken in Verbindung zu bringen. Am weitesten in der Kunst der Genjagd ist man in – Island. Der Grund dafür heißt Kari Stefansson.

Stefansson, 58, hatte es in der Fremde zu Ruhm und Ehre gebracht. Der Mediziner lebte fast 30 Jahre in den USA und war Pathologieprofessor an der Harvard-Universität. 1996 kehrte er jedoch Amerika den Rücken und kehrte in seine Heimat zurück. Er gründete in Reykjavík die Firma Decode. Stefanssons ehrgeiziges Ziel: das Erbgut aller rund 300 000 Isländer zu durchleuchten, um auf dieser Wissensbasis Krankheitstests und Medikamente zu entwickeln. Aus Sicht Stefanssons war Island der ideale Ort für eine Genhatz. Denn die Insel ist genetisch weitgehend homogen, darin vergleichbar einem abgelegenen Bergdorf. Seit 1915 gibt es Aufzeichnungen des öffentlichen Gesundheitswesens, und ihre Stammbäume können viele Isländer über Jahrhunderte zurückverfolgen. All diese Dinge machen es leichter, bestimmten Erbanlagen Krankheiten zuzuordnen.

Zwar wurde das isländische Gesamtgenom Ende 2003 per Gerichtsbeschluss vor allem wegen der Bedenken von Datenschützern gestoppt. Aber zwei von drei Isländern gaben Stefansson die Erlaubnis zur Genrecherche. Informationen von mehr als 100 000 der erwachsenen Inselbewohner hat Decode in seiner Datenbank, und seit einigen Jahren sprudelt es Forschungsergebnisse.

15 Erbanlagen und damit Ansatzpunkte für neue Medikamente bei zwölf weit verbreiteten Krankheiten haben die Wissenschaftler gefunden. Darunter sind Prostatakrebs, Schlaganfall, Herzinfarkt, Asthma und Diabetes. Letzter Coup der Firma war ein genetischer Risikofaktor für unruhige Beine.

Decode behauptet stolz, weltweit führend bei der Fahndung nach Genen für häufige Krankheiten zu sein. Das geschieht nicht aus reiner Nächstenliebe. „Ich bin ein knallharter Kapitalist“, hat der stattliche, muskulöse Stefansson einem Reporter des Magazins „Brand eins“ verraten. Irgendwie ähnelt er dem amerikanischen Gen-Tycoon Craig Venter, dessen komplettes Erbgut kürzlich veröffentlicht wurde. Stefansson ist sozusagen seine isländische Version. Wenn am Ende ein brauchbares Medikament entsteht, kann uns der Erfolg von Decode nur recht sein.

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