Dr. WEWETZER : Zwei Seiten einer Arznei

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Die Wiederkehr des Contergan-Wirkstoffs

Hartmut Wewetzer

Alles hat seine zwei Seiten. Das belegt die Geschichte des Wirkstoffs Thalidomid. Unter dem Namen Contergan wurde Thalidomid vor 50 Jahren in Deutschland als Schlafmittel auf den Markt gebracht. Mit den bekannten katastrophalen Folgen. Tausende von Kindern kamen mit schweren Fehlbildungen zur Welt, weil ihre Mütter das Mittel eingenommen hatten. Oft fehlten ihnen die Arme, die Hände waren am Rumpf angewachsen. Thalidomid hat Leben zerstört. Und dann die andere Seite: Bereits seit einiger Zeit wird der gleiche Wirkstoff eingesetzt, um das Leben von Krebskranken zu retten, oder zumindest zu verlängern.

Multiples Myelom heißt das Leiden, gegen das Thalidomid verschrieben wird. Ein bislang unheilbarer Knochenmarkkrebs, der von B-Zellen ausgeht. B-Zellen produzieren Antikörper, Abwehrstoffe aus Eiweiß, die ins Blut abgegeben werden. Bei Myelom-Patienten führt das unkontrollierte Wuchern von B-Zellen dazu, dass die von ihnen gebildeten völlig unbrauchbaren Eiweißstoffe das Blut verdicken und die Nieren verstopfen. Krebsnester zerstören Knochen und gefährden die normale Blutbildung.

Thalidomid hemmt die Entwicklung von Blutgefäßen. Das erzeugt die Fehlbildungen beim Embryo. Gliedmaßen und innere Organe entwickeln sich nicht richtig. Die verhängnisvolle Blutgefäß-Blockade aber hilft auch gegen den Krebs im Knochenmark. Aus einer folgenschweren Nebenwirkung wird eine erwünschte Wirkung.

Eine französische Studie, veröffentlicht im Fachblatt „Lancet“, belegt die Wirkung des Medikaments bei älteren Myelom-Patienten im Alter von 65 bis 75 Jahren. In diesem Lebensabschnitt bricht die Krankheit am häufigsten aus. Thierry Facon vom Universitätskrankenhaus Lille und seine Kollegen stellten fest, dass die Patienten, die zusätzlich zur üblichen Behandlung Thalidomid bekamen, länger überlebten – im Mittel 51 statt 33 Monate. Keine Heilung, gewiss. Aber ein Gewinn an Lebenszeit.

Thalidomid ist in Deutschland aus begreiflichen Gründen nicht zugelassen, kann Krebskranken aber im Rahmen einer Sonderregelung verschrieben werden. Inzwischen gibt es ein – erheblich teureres – Nachfolgemittel mit Namen Lenalidomid (vermarktet als „Revlimid“), das in Europa ganz offiziell verschrieben werden kann. Und noch ein weiteres Medikament hilft Myelom-Patienten. Es heißt Bortezomib und verstopft die „Mülleimer“ der Krebszellen.

Die Fortschritte bei der Behandlung haben den Patienten etwa zwei Jahre längeres Überlegen gebracht, schätzt Antonio Pezzutto, Spezialist für Blutkrebs an der Berliner Charité. Für die Zukunft hegt Pezzutto noch eine weitere Hoffnung: Wirkstoffe aus grünem Tee. Pezzutto riet seinem früheren Lehrer, dem Heidelberger Krebsforscher Werner Hunstein, dazu, grünen Tee zu trinken. Der war an einer mit dem Myelom vergleichbaren Leiden erkrankt. Hunsteins Befinden besserte sich deutlich. Noch ist das nur ein Einzelfall, der nichts beweist. Aber eine heiße Spur ist es allemal.

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