DRAMA „Barbara“ : Flucht nach innen

Markus Raska
Foto: Piffl Medien
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Vor drei Wochen wurde der neue Film von Christian Petzold im Wettbewerb der Berlinale von Publikum und Kritik gefeiert und mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet. Petzold, einer der begabtesten deutschen Filmemacher der Gegenwart, benötigt zu Anfang des Films nur zwei kurze Szenen, um die Konstellationen seiner Geschichte über die ausreisewillige DDR-Ärztin Barbara, großartig gespielt von Petzolds Lieblingsmuse Nina Hoss (rechts), zu entfalten.

In der ersten Szene kommt Barbara mit dem Bus im Nirgendwo an. Während sie sich auf eine Bank setzt und wartet, wird sie aus einem Fenster von zwei Männern beobachtet. „Sie wird nicht eine Sekunde zu früh kommen“, und sie schmolle wie eine Sechsjährige, sagt der eine, der sich später als ihr Stasipeiniger herausstellt. Ob sie alleine sei, fragt der Zweite. Es ist André (Ronald Zehrfeld, links), ihr neuer Chef im Krankenhaus. Die Inhaftierung habe sich zersetzend auf ihren Freundeskreis ausgewirkt, kontert Barbara trocken. Wenig später, Barbara hat ihre erste Schicht im Krankenhaus hinter sich, wird sie von André nach Hause gefahren. Sie solle sich nicht „so separieren“, rät er ihr. Sie weist ihn genervt darauf hin, dass er sie an der Kreuzung eigentlich hätte fragen müssen, wo es zu ihrer Wohnung gehe. Aber er sei ja sowieso ausreichend mit Informationen versorgt.

Wir befinden uns in der DDR der frühen achtziger. Irgendwo in der Nähe der Küste. Barbara hat es gewagt, einen Ausreiseantrag zu stellen, und wird zur Strafe aus der Hauptstadt in ein Provinzkaff versetzt. Sie wartet. Auf Jörg, ihren Geliebten aus dem Westen, der die Flucht vorbereitet.

Der Alltag, ihre Wohnung, die Kollegen, all das interessiert sie nicht. Nur ihre Arbeit in der Kinderchirurgie, und besonders die junge Ausreißerin Stella scheint ihr Herz zu berühren. Ist sie ein paar Stunden zu lange nicht in ihrer Wohnung anzutreffen, kommt die Staatssicherheit und beginnt mit schikanösen Durchsuchungen. André verwirrt sie zunehmend, doch die Angst vor seiner verdeckten Ermittlung zerstört die aufkeimenden Gefühle.

Aber ist Jörg tatsächlich der Richtige? Als dieser anbietet, zu Barbara in die DDR zu ziehen, starrt sie ihn ungläubig an. Er versteht nichts. Dem Kopfmenschen Petzold gelingt es, eine emotional dichte Geschichte zu erzählen, in der die DDR weder nostalgisch verklärt noch auf die graue Diktatur reduziert wird. Das gelingt ihm großartig. Markus Raska

D 2012, 108 Min, R: Christian Petzold, D: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock

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