DRAMA „Das Lied in mir“ : Mein fremdes Leben

Foto: Schwarz/Weiß/Die Filmagentinnen
Foto: Schwarz/Weiß/Die Filmagentinnen

Leistungssportler führen ein Leben, das in geordneten Bahnen verläuft. Siegen kann nur, wer über einen Tunnelblick verfügt. Probleme müssen ausgeblendet werden. Am Anfang krault Jessica Schwarz durch ein Schwimmbecken. Geradlinig, zielstrebig, schnell. Aber dann gerät sie aus der Spur. Beim Zwischenstopp zu einem Wettkampf in Chile sieht sie am Flughafen von Buenos Aires eine Mutter, die ihrem Kind ein Schlaflied vorsingt. Sie kennt das Lied, kann den Text mitsummen. Dabei hat sie nie Spanisch gelernt, und in Argentinien ist sie niemals gewesen. Glaubt sie jedenfalls.

Maria – so heißt die von Jessica Schwarz gespielte Schwimmerin – verpasst ihren Anschlussflug und steigt in einem Hotel ab. Weil sie ihren Pass verloren hat, muss sie zur Polizei. Dort beginnt die Spurensuche. Maria will wissen, woher sie das Lied kennt und wer sie wirklich ist. Den Polizisten, einen schönen, verschlossenen Mann, wird sie später in einem Kiosk wiedertreffen, der Anfang einer Affäre.

Bei einem Telefonat wirkt Marias Vater Anton sofort alarmiert. Er steigt in die nächste Maschine. Das Hotel mit seinem alten Aufzug, engen Fluren und Verbindungstüren, an denen man per Klopfzeichen kommunizieren kann, wird zur Bühne eines Vater- Tochter-Dramas. Michael Gwisdek zieht als Vater alle Register des Abwiegelns und Ausweichens. Auf die bohrenden Fragen der Tochter antwortet er nuschelnd „Nun hör aber mal auf“ oder „Lass doch mal“. Und spricht „Ich liebe dich“ auf ihre Mailbox.

Der Vater, so viel erzählt er dann doch, hat in Argentinien gearbeitet. Als Marias Eltern 1980 während der Militärdiktatur spurlos verschwanden, hätten „Mama und ich“ – seine Frau ist inzwischen tot – Maria adoptiert. In Wirklichkeit haben sie sie entführt. Denn Maria hatte eine Tante und eine Großmutter, die nach ihr suchten, auch bei Anton. Jetzt sitzen sie in einem Außenbezirk in ihrem Wohnzimmer und glauben, in Marias Gesicht das Lachen des dreijährigen Mädchens zu erkennen. Es wird ein tränenreiches, ungemein anrührendes Wiedersehen.

Buenos Aires wirkt schäbig in den Bildern dieses Films, eine von Ausfallstraßen durchzogene Stadt. Hinter den Fassaden tun sich Abgründe auf. „Is Falkenmayer here?“, fragt die Tante, sie sucht den „Vater“. Für sie ist er ein Verbrecher, der ins Gefängnis gehört. Aber Maria liebt ihn, sie bringt es nicht übers Herz, ihn zu verraten. „Das Lied in mir“ erzählt von einem Seelendrama, das auch ein Krimi ist. Herausragendes Debüt. Christian Schröder

D 2010, 94 Min, R: Florian Cossen, D: Jessica Schwarz, Michael Gwisdek, Rafael Ferro

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