DRAMA „Die Jagd“ : Verfolgte Unschuld

Foto: Wild Bunch/Central
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Mit seinem Dogma-Film „Das Fest“ machte Thomas Vinterberg vor 15 Jahren Furore, schon damals ging es um Missbrauch: Mitten in die Familienfeier platzte der Sohn mit der Nachricht, dass der Vater ihn und seine Schwester missbraucht habe, als sie Kinder waren. Nach einigen glücklosen internationalen Produktionen ist Vinterberg nun zu seinem ersten großen Stoff und ins dänische Kino zurückgekehrt. „Die Jagd“ bildet das Pendant zur Opfertragödie über Trauma und Verdrängung, zeigt die Kehrseite der Medaille: den Hass und die Hatz auf einen vermeintlichen, zu Unrecht verdächtigten Täter.

Lucas ist Kindergärtner in einer Kleinstadt, die Ehe geschieden, er kämpft um das Besuchsrecht für seinen Teenie-Sohn. Auf Arbeit hängt sich die kleine Klara an ihn, Tochter seines besten Freunds, auch sie ein einsames Menschenkind. Lucas weist sie behutsam zurück, das gekränkte Mädchen will sich rächen und erzählt der Leiterin des Kindergartens, der Mann habe ihr seinen Penis gezeigt. Ein Psychologe befragt Klara, deutet ihr Unwohlsein falsch, Gerüchte machen die Runde, das Verhängnis nimmt seinen Lauf: Lucas wird festgenommen, wieder freigelassen und von der liberalen Kleinstadtgesellschaft fortan geächtet. An Heiligabend sitzt er tränenüberströmt in der Kirche, mutterseelenallein in einer verschworenen Gemeinschaft. Ein Ausgestoßener, ein Selbstjustizopfer: Das Gift des Misstrauens zersetzt seine gesamte Existenz. Bald weiß nicht mal mehr sein Sohn, ob er noch zu ihm halten kann.

Ein Genrefilm über eine Hexenjagd, mit Mads Mikkelsen in der Rolle des unschuldig Verfolgten. Geschickt spielt Vinterberg mit dem Image des Stars, der als bad guy berühmt ist und hier als einfühlsamer nice guy auftritt. Dennoch sieht man den Film mit wachsendem Unbehagen. Das Genreformat samt dokumentarisch-sozialrealistischer Erzählweise lädt das sensible Sujet spekulativ auf. Zunehmend unwahrscheinlich die Fülle der Fehler, die Erzieher, Eltern und Psychologen begehen. Zunehmend unglaubwürdig der Automatismus, mit dem jeder „weiß“, was Klara widerfahren ist, obwohl sie bald beteuert, sie habe Unsinn geredet. Vinterberg missbraucht das Missbrauchsthema und versäumt es, die Dimension zu verdeutlichen: Solche tragischen Fälle sind die seltene Ausnahme. Die Regel ist immer noch das Schweigekartell rund um die Täter, in der Kirche, in Familien, Kindergärten und Schulen. Fragwürdig. Christiane Peitz

DK 2012, 120 Min., R: Thomas Vinterberg,

D: Mads Mikkelsen, Annika Wedderkopp, Thomas Bo Larsen

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