DRAMA „Die wilde Zeit“ : Kinder der Revolution

Foto: NFP/Filmwelt
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Gilles (Clément Metayer, rechts) ist 17, sein Haar ist gewellt, seine Augenbrauen sträuben sich, seine Hand hört nie auf zu zeichnen. Wie auch der ganze Junge 1971, zu Beginn der „wilden Zeit“ in Europa, immer in Bewegung bleibt: Gilles rennt, er wirft Steine, er haut vor der Polizei ab, er konspiriert.

Olivier Assayas, dessen Film „Carlos – Der Schakal“ meisterlich das Leben des international gesuchten Terroristen beschrieb, hat sich in seinem neuen Werk der Politisierung einer ganzen Generation angenommen. Er bastelt sein Porträt dieser kurzen Epoche, die in Deutschland vor allem als sprachgewaltig in der kollektiven Erinnerung verankert ist und – neben den Demos, Kommunen, Kaufhausbomben und den späteren Radikalisierungen – aus endlosen Diskussionen zu bestehen schien, wie ein lebendiges Mobile zusammen. Die Zutaten sind Aktionen und Reaktionen (Demos und daraus resultierende Prügeleien mit der Polizei), zeittypische Musik (Captain Beefheart, Syd Barrett), Gefühle (Gilles’ Beziehungen) und Entscheidungen, die sowohl Politisches wie Privates betreffen.

Dass hier auch noch eine stringente Geschichte über die Sinnsuche einer Clique Pubertierender erzählt wird, die sich an Untergrund, Universität, Kommunenleben und Künstlerdasein entlanghangeln, ist fast ein Wunder: So sehr kann sich Assayas auf seine starken und assoziativen Bilder durch die agile und aus der Mitte des Geschehens agierende Kamera verlassen.

Der Regisseur, der in „Die wilde Zeit“ Teile seiner eigenen Vergangenheit verarbeitet und der selbst lange Künstler werden wollte, versucht nicht, Handlungen durch Dialoge zu rechtfertigen. Er zeigt vielmehr, aus welchen emotionalen Zuständen sie resultieren. Gilles’ kunstliebende Freundin verlässt ihn, um mit ihren Eltern in eine andere Stadt zu ziehen, seine Neue will agitieren. Ein Wachmann wird bei einer nächtlichen Sprühdosenaktion verletzt, Gilles und seine Mitaktivisten Alain und Jean-Pierre müssen mit polizeilichen Maßnahmen umgehen. Die amerikanische Freundin von Alain wird schwanger, die Konsequenzen verändern die Beziehung zwischen den beiden.

Assayas setzt mit diesem Film, der sich durch seine inszenatorische Leichtigkeit bei gleichzeitiger inhaltlicher Ernsthaftigkeit von den bisherigen Beiträgen zum Thema unterscheidet, eine Menge Vertrauen in den Zuschauer. Und der kann sich darüber freuen. Stark.Jenni Zylka

F 2012, 122 Min., R: Olivier Assayas, D: Clément Métayer, Lola Créton, Felix Armand

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