Zeitung Heute : Drama in der Kita

Von Tanja Stelzer

-

Manche unserer ElternFreunde guckten neidisch bis ungläubig, als sie von Noahs völlig unkomplizierter Kita-Eingewöhnung hörten, andere kräuselten spöttisch die Lippen; in einen Comic hätte man eine Denkblase eingezeichnet: „Na, die werden schon noch sehen…“

Es dauerte eine Woche, bis wir begriffen, was sie meinten. An Tag acht seiner Kita-Karriere verkündete Noah: „Kita doof“, „andere Kinder doof“, „Hause bleiben!“. Wir blieben hart. Unser Kind sah uns mit einem Gesichtsausdruck an, als wollten wir es aussetzen wie einen Hund, es an einer Autobahn-Leitplanke anbinden. Das Wort „Verrat“ flimmerte wie ein rotes Leuchtschriftband über seine Stirn. Es folgte ein dramatischer Auftritt in der Kita. Die Erzieherin guckte ratlos und sagte, so etwas habe sie noch nie erlebt.

Ich nahm mein Kind wieder mit nach Hause, überzeugt, dass wir ihm schweren psychischen Schaden zugefügt hatten. Auf einmal verspürte ich eine bis dahin ungekannte Seelenverwandtschaft zu jenen Müttern, die finden, man müsste jedem das Sorgerecht entziehen, der sein Kind in fremde Hände gibt, bevor es drei ist. Ich verfluchte die Quality-Time-Theoretiker, die uns glauben gemacht hatten, dass wir gar nicht viel Zeit mit unseren Kindern verbringen müssen, sondern uns nur in den kleinen Zeitfenstern zwischen Job, Hobbys, Shopping, Fitness-Studio und Opernbesuchen total auf sie einzulassen brauchen. Mit „einlassen“ meinen die Quality-Time-Theoretiker, dass wir voller Hingebung Legohäuser bauen, ohne dabei die Zeitung zu lesen oder am Telefon neue Kochrezepte zu erörtern. Noah liebt Quality Time mit seinen Eltern; wir bringen es auf drei Legohäuser am Tag. Am liebsten hätte Noah den ganzen Tag lang Quality Time mit uns.

Am Abend nach dem Kita-Drama, im „heute journal“, sagte die Familienministerin etwas über Krippenplätze und dass es mehr davon geben soll. Wären gerade Wahlen gewesen und könnte man im Norden CSU wählen, ich glaube, ich hätte es getan. Ich schaltete Renate Schmidt aus und ging ins Kinderzimmer, wo Noah im Schlaf murmelte „Kita nein“ und „Mama Hause“.

Ich setzte mich aufs Wohnzimmer-Sofa, wo mein schlechtes Gewissen es sich schon bequem gemacht hatte, und blätterte in der letzten „Eltern“-Ausgabe. Darin stand auch etwas über Kinderbetreuung und Eingewöhnungsschwierigkeiten. Sinngemäß hieß es, dass der Trennungsschmerz der Kinder ein Zeichen von Selbstbewusstsein ist, das Kinder eigentlich nur entwickeln können, wenn sie eine gesunde Beziehung zu ihren Eltern haben. Und: Forscher haben Krippenkinder zur Speichelprobe antreten lassen und festgestellt, dass diejenigen mit auffallend wenigen Problemen mehr vom Stresshormon Cortisol im Speichel hatten als Kinder, die schrien, wenn ihre Eltern sie allein ließen.

Bevor ich ins Bett ging, warf ich noch einmal einen Blick ins Kinderzimmer. Unter Noahs Schnuller zeichnete sich ein Lächeln ab. Das Lächeln eines Siegers? Na warte, dachte ich.

Am nächsten Morgen brachten wir Noah wieder zur Kita. Es sah alles nach einer prima Eltern-Kind-Beziehung aus.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar