DRAMA „Mutter und Sohn“ : Die Freikäuferin

Foto: X Verleih
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Vom rumänischen Filmwunder ist seit Cristian Mungius „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ (Goldene Palme, Europäischer Filmpreis) immer wieder die Rede. Zuletzt auf der Berlinale, als Calin Peter Netzers „Mutter und Sohn“ den Goldenen Bären gewann: ein Psychodrama, ein Sittengemälde aus der Bukarester Oberschicht, eine Wucht von einem Film, eine Wucht von einer Frau. Sie heißt Cornelia, wird von Luminita Gheorgiu gespielt, dem Star des neuen rumänischen Kinos. Eine kleine, resolute Person, die bei ihrem 60. Geburtstag wie eine 30-Jährige tanzt, als Architektin und Chirurgengattin bestens vernetzt ist und ihr gut situiertes Leben im Griff hat. Nur einer entzieht sich, ihr geliebter Barbu, der zeitlebens entmündigte und tatsächlich unfähige erwachsene Sohn (Bogdan Dumitrache).

Als Barbu mit überhöhter Geschwindigkeit einen 14-Jährigen totfährt, hat die Stunde der Übermutter geschlagen. Auf der Stelle beginnt Cornelia, den Sohn rauszuhauen, freizukaufen. Sie lässt ihre Beziehungen spielen, hält Polizisten und Gutachter in Schach, besticht Zeugen, schließt sogar ein Zweckbündnis mit der verhassten Lebensgefährtin des Sohnes. Ein eiskalt berechnendes, zu allem entschlossenes Mutterherz. Wie sie unentwegt mit Smartphone, Slim-Zigaretten und Kuverts voller Euro-Scheine hantiert, wie sie perfekt geschminkt und mit Schmuck behängt den Geldadel des osteuropäischen Turbokapitalismus verkörpert, das muss man gesehen haben. Oder wie sie nachts allein in der Küche einen Grand Marnier on the Rocks kippt – ein Moment unendlicher Einsamkeit.

Ein Low-Budget-Film, gedreht mit zwei Digitalkameras, die das eingespielte Räderwerk und die klandestine Vertrautheit einer korrupten Elite einfangen. Protzige Interieurs, Szenen im Halbdunkel, nächtliche Autofahrten im Luxus-BMW, Cinéma Verité mit harten Schnitten, Nahaufnahmen einer zerrissenen Klassengesellschaft: hier Cornelia im Pelz, dort die Angehörigen des toten Jungen, in Hemdsärmeln und schwarzen Kopftüchern, in einer armseligen Behausung am Stadtrand. Wenn sie die Familie des Toten aufsucht, kondoliert und die Beerdigung bezahlt, kommt es vielleicht nicht zur Anklage, so Cornelias Kalkül. Am Ende weinen zwei Frauen um ihre verlorenen Söhne, und Cornelias Selbstinszenierung schlägt in Verzweiflung um. Oder täuscht sie jetzt auch den Kinozuschauer? Ein monströser, ungeheuerlicher Moment der Wahrheit. Stark. Christiane Peitz

RO 2012, 112 Min., R: Calin Peter Netzer, D: Luminita Gheorgiu, Bogdan Dumitrache, Ilinca Goia

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