Drama um Gerhard Richters Bild : Tante Marianne muss hier bleiben

"Tante Marianne" enthüllt Dunkles der deutschen Geschichte – doch nun wird Gerhard Richters Bild in London versteigert. Der Maler hatte einen Schwiegervater, der am Euthanasieprogramm der Nazis beteiligt war. Die geliebte Tante von Gerhard Richter, die er portraitierte, wurde Opfer der Nazi-Euthanasie.

Jürgen Schreiber

Am Abend, wenn der Hammer fällt, endet meine Geschichte mit Tante Marianne. Kommenden Mittwoch, 7.30 pm, Londoner Zeit, ruft Sotheby’s Auktionator Tobias Meyer bei der Versteigerung zeitgenössischer Kunst das 26. Los auf. In der New Bond Street werden 600 Sammler und Galeristen zu dem spektakulären Event erwartet. Über 60 Telefone sind auswärtige Interessenten zugeschaltet, die um Gerhard Richters Gemälde „Tante Marianne“ mitbieten können: Schätzpreis bis zu drei Millionen Euro.

Im Reporterleben kommt es nicht allzu oft vor, dass der eigene Artikel eine kapitale Kunstaktion inspiriert. Am 22. August 2004 enthüllte der Tagesspiegel auf drei Seiten das Geheimnis des teuersten Malers der Gegenwart. Es ging um das grauenhafte Schicksal eben dieser Tante Marianne. Die kleine Schwester von Richters Mutter kam im Februar 1945 nach jahrelanger Leidenszeit elendiglich in der Psychiatrischen Anstalt Großschweidnitz (Sachsen) um. Dort hungerten die Nazis die Wehrlosen aus, um sie dann mit Veronal oder Luminal einzuschläfern wie überzählige Katzen. Der „Hunger-Medikamenten-Tod“ ist im Dresdner Euthanasie-Prozess 1947 für unzählige Fälle nachgewiesen worden. Die Haupttäter endeten unter dem Fallbeil im Richthof am Münchner Platz. Richters Tante litt an Schizophrenie, sie starb als eines von fast 8000 Opfern der Großschweidnitzer Psychiatrie, dem Vergessen anheim gegeben, im Massengrab verscharrt.

Aus dem Artikel wurde ein Buch. Solange der Autor über das Drama der Familie Richters schrieb, hing das Bild noch bei Gisela G. in Stuttgart. Ihr verstorbener Gatte hatte es sich vor vierzig Jahren 1000 bis 3000 Mark kosten lassen, genau weiß sie es nicht mehr. Mit Richter verband den Kaufmann eine „Sammlerfreundschaft“, gut, er habe in den 60ern „oft bei denen gesoffen“. Bei den G.s hingen Titel wie „Inge(bunt)“ oder „Schweizer Familie“, erinnert sich ein Besucher an das mit unerschwinglichen Richters zugepflasterte Wohnzimmer. Darunter „zwei Frauen mit Kuchen“, bis sie ihren Mann anflehte, „tu das weg, ich kann es nicht mehr sehen.“

Ohne waschechte Schwäbin zu sein, verinnerlichte Frau G. eine im Ländle hoch gehaltene Tugend: Über Geld spricht man nicht. Schwaben sind „hälinge“, heimlich reich. In gebührender Hanglage situiert, will sie mit der Öffentlichkeit nichts zu tun haben, ist sauer, weil die „New York Times“ wegen des „Marianne“-Verkaufs ihren Allerweltsnamen ausposaunte.

Die Versteigerung des Richter-Schatzes hat ihr Sohn eingefädelt. Momentan schippert er vor den Balearen, unerreichbar für ein Gespräch. Die Mutter legt Wert auf die Feststellung, er ziehe sonst im Urlaub mit dem Campingwagen umher. Glaubt man ihr, befreite er sie regelrecht von „Marianne“. Nach vierzig Jahren habe sie der Anblick zuletzt arg gestört, „eine dunkle Ecke“, die schwermütig stimmte. Insoweit ist Frau G.s Verhältnis zur „Tante“ total unsentimental, „ich weine dem überhaupt nicht nach, bin heilfroh, das Ding los zu sein.“

Sie ersetzte den echten Richter durch einen echten Panamanesen. Name? „Arias“! Den müsse man nicht kennen, weshalb sie ihn dankenswerterweise buchstabiert. Ferner gönnte sie sich farbige Streifen eines Italieners: „Giacomesa, wie Giacometti. Herrlich, die erfreuen mein Herz.“ Es ist dann doch recht schwäbisch, seine Wohnung zu erneuern, dafür etliche Millionen einzustreichen und genialerweise „keine Kommission, nix“ zu zahlen.

Mit 87 gehe es ihr nicht mehr ums Geld, erzählt Frau G. frisch von der Leber weg. „Ich esse nur ein Mal am Tag.“ Eine Weltreise wolle sie auch nicht machen. Überdies seien sie spendabel, ihr Sohn gebe reichlich an „Ärzte ohne Grenzen“ und für Krebsforschung. Zum Schluss fällt ihr noch ein, vor Jahren habe Richter ihnen die „Tante“ abluchsen wollen, vielleicht für 100 000 Mark, „ungefähr“. Er habe sie an eine Frau Goldmann aus den USA verscherbeln wollen.

Ein wahrer Richter-Fan wird die alte Dame nicht mehr. Auf sie machte er einen „mickrigen, schlecht gelaunten Eindruck“. Den Zug ins Unleidige will sie bereits auf dem Marianne-Gemälde entdeckt haben. In die Szene malte sich Richter, ungewöhnlich genug, selbst mit hinein.

Als der noch Unbekannte 1965 sein persönlichstes Motiv vollendete, ahnte er nichts vom Passionsweg der Tante. Zur Vorlage diente ihm ein Foto aus Opas Garten. Auf der Rückseite steht: „Gerd Richter mit Marianne Schönfelder. Gerd vier Monate, Marianne 14 Jahre alt, im Juni 1932“.

1932 sind es noch 13 Jahre, dann wird die Gestörte unter unvorstellbaren Umständen in der Irrenanstalt ausgelöscht. 1932 sind es noch 33 Jahre, dann wird Richter von dem sonntäglichen Schnappschuss angerührt und sie in der für ihn typischen, fotorealistischen Manier malen. Welche Kräfte waren im Spiel, die ihn in die Kindheit zurückzogen, hin zur kranken Tante? Was band ihn an die Schizophrene, die der Bub als „Angstfigur“ empfand, wie er sagt? Unwissentlich überliefert Richter mit dem Bild auch ihre Tragödie. Nachdem sie spät genug ans Licht kam, ist der 74 Jahre alte Meister wohl selbst überrascht, welche verborgene Wahrheit er der Leinwand anvertraute, die er noch selbst zwischen schmale Fichtenholzleisten gespannt hat.

Dieses blühende Mädchen als Opfer von Hitlers Rassenpolitik erkennen zu müssen, war ein Ergebnis, das am meisten den Reporter selbst überraschte. Ehe die Recherche ins Dritte Reich führte, war sein Auftrag, in Richters Geburtsort Dresden Gemälde zu suchen, die er vor der DDR-Flucht 1961 gemalt hatte. Insider munkelten seit langem von einem „Geheimwerk“, mit dem es eine eigene Bewandtnis habe. Man fährt also in die Elbmetropole, fahndet nach unbekannten Richtern, beginnt an seiner einstigen Adresse Wiener Straße 91. Dort hatte der Student in den 50er Jahren ein Atelier im hochherrschaftlichen Haus seines späteren Schwiegervaters Heinrich Eufinger, Papa von Richters erster Frau Ema. Eufinger war zur NS-Zeit Chefarzt der Frauenklinik Friedrichstadt. Wann immer an der Elbe der Name des Gynäkologen fiel, fehlte selten der Zusatz, der sei ein „Super-Nazi“ gewesen.

Tatsächlich hütet das Stadtarchiv vom Luftkrieg verschonte Dossiers des SS-Obersturmbannführers. Nach Aktenlage hatte Eufinger rund 900 Zwangssterilisierungen von Psychiatrie-Patientinnen zu verantworten. Wie sich herausstellte, überschneidet sich sein Aufstieg auf gespenstische Weise mit dem Untergang von Tante Marianne, obwohl sie sich in zwei Paralleluniversen bewegten. Laut Krankenblatt sollte auch sie 1938 in Eufingers Klinik nach dem NS-Gesetz „zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ unfruchtbar gemacht werden. Hier streiften sich mithin zwei Vergangenheiten, die ein Dritter malend verknüpfte. Eufinger geistert zum Beispiel namenlos, parteilos, geschichtslos durch Richters bekanntes Gruppenbild „Familie am Meer“. Man kann lange darüber sinnieren, warum in den 60er Jahren das Traumatische an die Oberfläche drängte. Sein Credo lautet: „Meine Bilder sind klüger als ich.“ Inzwischen mag sich der Weltstar selbst gefragt haben, wieso er das Unbekannte herbeizwang, das zur Enttarnung des SS-Kaders beitrug.

In ihrem Liebreiz durfte man Marianne für unverwundbar halten. Für Richter sieht sie aus „wie eine Madonna“. Der Abgrund tut sich auf, sobald der Firnis der Zeit vom Titanweiß und Elfenbeinschwarz des Porträts abgetragen ist. Die Farbnamen verdanken wir dem Restaurator Michael Trier. Noch gestern hatte er Richters Nummer 87 in den Händen, befreite Marianne zur Auktion von Patina, vulgo: Zigarettenrauch. Trier konstatierte den „guten Zustand“, fand minimale Retuschen, nicht der Rede wert. Mit 100,5 mal 115 Zentimetern neu vermessen, ist das Bild kleiner als in der Literatur angegeben.

Es war merkwürdig mitanzusehen, wie der Kunstmarkt unbeirrt vom wahren Krimi über Nazi-Täter und Nazi-Opfer seinen eigenen Gesetzen folgt. Sotheby’s warb heftig um das „große Meisterwerk von epochaler Bedeutung“. In der Londoner Filiale wurde Cheyenne Westphal hibbelig, die Richter-Expertin hat über hundert seiner Gemälde gemakelt: „Ich bin seit vielen Jahren hinter dem Bild her.“ Am Telefon ist sie bemüht, dem Verdacht zu begegnen, kein Drama sei entsetzlich genug, um daraus nicht noch Kapital zu schlagen. Ihre Marianne-Präsentation schildert, durchaus sensibler als von einem Profitbetrieb zu erwarten, das mit dem Gemalten verwobene Leid: „hinter der dargestellten Unschuld und Schönheit“ verberge sich ein „Moment der unausgesprochenen persönlichen Tragik“, „eine Metapher für die Wirren einer ganzen Generation“. Das ändert nichts daran, dass die Firma im nächsten Atemzug mit der „Marktfrische“ von „Tante Marianne“ wirbt.

Letzte Woche ließ Sotheby’s Marianne eigens nach New York fliegen. Zwanzig handverlesene Interessenten, die Namen wie Staatsgeheimnisse gehütet, bekamen sie in privaten „viewing rooms“ im Headquarter auf der 72ten und York Avenue zu sehen. Die Versicherungssumme soll bei drei Millionen Pfund liegen.

Der Sammler Hans-Joachim Kühn registriert weltweit jeden Pendelschlag auf der nach oben offenen Richter-Skala. Unter anderem gehört ihm die in Eufingers Villa gemalte „Ema“. Er erklärt, der Schätzpreis für „Tante Marianne“ liege etwa um eine Million Euro höher als vergleichbare Werke. Die Steigerung verdanke sich dem Wissen um die tragische Geschichte; das Bild bringe Dinge hervor, „die verschüttet waren“. Das Thema Euthanasie.

Die monatelange Spurensuche hatte mehrmals in die Sächsische Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein geführt. Im Schloss über der Stadt vergasten die Nazis über 13 700 Kranke und Behinderte. Dies geschah unter den Augen der Einheimischen, die über dem Beinhaus einen seltsam gefärbten, übel riechenden Qualm wabern sahen, Rauch aus den Schloten der Verbrennungsöfen.

Pirna-Sonnenstein war ein Leidensort. Zwei hauptamtliche und vier freie Mitarbeiter halten mühsam genug die Aufklärung über die Nazi-Morde in Gang. Ihr Jahresetat liegt bei 150 000 Euro. Nur um die Relation zu zeigen: „Tante Marianne“ kann der Familie G. leicht vier Millionen Euro bringen.

Bei der Besichtigung dachte ich mir ihr Porträt in die Gedenkausstellung hinein, das zarteste und auch das deutscheste von Richters Bildern. An diesen beladenen Platz gehört ihr schönes Gesicht, es ist das Gesicht der Euthanasie. An diesem Platz, in diesem Rahmen, wäre es vor dem Vergessen geschützt. Aus den Akten spricht der Tod, von ihrem Leben und von ihrem Sterben zu erfahren hieße, an weitere 200 000 Euthanasie-Opfer zu erinnern, von denen wir kein Bild haben. Doch weit und breit ist noch kein Mäzen zu sehen, der das Werk kauft und der Gedenkstätte leihen möchte. Jetzt geht es um Millionen, man hat das Gefühl, kaum ist Mariannes Geschichte in der Welt, geht sie gleich wieder verloren. Verschwindet womöglich in einer Privatsammlung irgendwo in der anonymen Landschaft des Geldes. Denn Richter ist ein Kapitalobjekt, während es bei der Reportage darum ging, wie 60 Jahre danach das Verdrängte der unbewältigten Nazi-Geschichte weiter wirkt. Erst jetzt ließ sich doch Tante Mariannes Todesadresse finden, an ihrer Endstation blühten die Margeriten, unter flüchtigem Blau bewegte der Wind die Gräser auf dem Großschweidnitzer Massengrab.

Mein Requiem für Richters Tante war nach gut einem Jahr fertig. Das Buch hat mittlerweile eine eigene Geschichte. Richter hatte die Ergründung freundlich-skeptisch und nobel mit Bildmaterial unterstützt. Die Arbeit des Verfassers pries er zunächst in zwei Telefonaten überschwänglich. Die Euphorie hielt jedoch nicht lange, bald verriss er im Interview den von Feuilletons gelobten „gründlich recherchierten Tatsachenroman“ (Süddeutsche Zeitung) total. Zu dieser Reaktion bemerkte das ZDF, „auch das ist typisch für die deutsche Vergangenheitsbewältigung.“ Die FAZ brachte es auf den Punkt: „Es ist nicht unüblich, dass sich der Biograph und der Porträtierte über ein gemeinsam ins Werk gesetztes Buchprojekt zerstreiten…“ Trotz der Fülle amtlich verbürgter, neuer Fakten war sich Richter nach Eufingers Entlarvung nicht zu schade, ihn mit den Worten zu charakterisieren: „Er hatte nichts von einem Nazi, er war hoch gebildet, tüchtig, ein sehr imponierender Typ.“ Für die Opfer fand er keine Worte.

In seiner schönen Kunstwelt aufgeschreckt, verweigerte Richter Medien den Abdruck von Bildern zu diesem Komplex, und Sotheby’s bekam seine Marianne-Vorlage aus dem Familienalbum nicht, ist in London zu erfahren. Für das Fernseh-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ wollte er sich nicht zur Auktion äußern.

Es gibt ein „Richter-Kartell“, so nennt die Branche seinen Kreis, der eine Debatte um Eufingers SS-Verstrickung fürchtet. Mehr noch fürchten diese Jäger und Sammler aber um Richters Marktwert.

Zu den Museen, die „Tante Marianne“ begehren, zählt Dresdens Albertinum. Dort durfte der Tagesspiegel bei der großen Werkschau im Jahr 2004 die Beilage mit der Enthüllung von Richters Familiendrama nicht präsentieren. Sein Freund, der Kunstbuchhändler Walther König, ließ das Buch aus dem Museumsshop entfernen, und die geplante Lesung musste verlegt werden. Sich 2006 anders zu besinnen und um das Bild zu kämpfen, kostet das Albertinum keinen Mut mehr, sondern nur noch Geld.

Wenigstens ist nach dem Tagesspiegel-Bericht über Eufingers böses Geheimnis sein Porträt aus der Ahnengalerie der Klinik Dresden-Friedrichstadt verschwunden.

(Von Jürgen Schreiber stammt auch: „Ein Maler aus Deutschland“, Pendo 2005)

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