DRAMA„Ajami“ : Oh Bruder, was tust du?

Malek fegt den Boden. Einen kurzen Moment hält er inne und schaut aufs Meer hinaus, wo zwei Fischer ein Netz auswerfen. Was für ein friedliches Bild unter sommerlichem Himmel. Doch die Idylle ist trügerisch. Denn hier in Ajami, einem alten arabischen Teil von Tel Aviv, sind die Menschen – ob sie es wollen oder nicht – in einer jahrzehntealten Gewalttradition gefangen, die sich langsam in ihre DNS einzuschreiben scheint. Für individuelle Entscheidungen bleibt nur noch ein verschwindend kleiner Raum. Vielleicht wird auch deshalb häufig Gott angerufen.

Zum Beispiel Omar: Der 19-Jährige gerät durch die unbedachte Aktion eines Onkels in eine Blutfehde, aus der er seine Familie nur mit einer aberwitzig hohen Summe herauskaufen kann. So kommt der junge Mann, dessen kleiner Bruder von bösen Vorahnungen gequält wird, auf die Idee, sich als Drogenhändler zu verdingen. Als Partner nimmt er sich Malek. Der stammt aus dem Westjordanland und arbeitet illegal im selben Restaurant wie Omar. Auch er braucht Geld, denn seine Mutter ist schwer krank.

Anekdotisch und unchronologisch weben Scandar Copti und Yaron Shani ein packendes Gesellschaftsporträt, das leider nicht mit dem Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film belohnt wurde. Das arabisch-israelische Team brauchte sieben Jahre, um sein Werk fertigzustellen. Ein Jahr diskutierten die beiden. Der Israeli Shani lernte Arabisch und ließ sich vom palästinensischen Christen Copti Ajami zeigen. Sie veranstalteten Workshops mit Laiendarstellern, denen sie beim Dreh nie ein Skript gaben, sondern sie spontan agieren ließen. Das führt zu einem fast dokumentarischen Stil, der „Ajami“ zu einer atemberaubenden Seherfahrung macht.

„Obsessiv authentisch“ wollten sie sein, sagt Yaron Shani. Das ist ihnen sicher gelungen – zumal viele der Geschichten aus ihrem Film auf wahren Ereignissen beruhen. Und so ist es jedes Mal wieder ein echter Schock, wenn wieder eine Kugel oder ein Messer in einen Körper eindringt. Auch die Handgemenge auf der Straße strahlen eine geradezu beängstigende physische Präsenz aus.

Es gibt zwei Liebesgeschichten in „Ajami“, beide sind unmöglich: Der arabische Christ Omar liebt die muslimische Restaurantbesitzerstochter Hadir. Und der Palästinenser Binj ist mit einer Jüdin zusammen. Beide Paare erfahren aus ihrem Umfeld Ablehnung. Auch hier bleiben Copti und Shani Realisten: In einer so tief gespaltenen Gesellschaft ist vieles stärker als die Liebe. Sehenswert. Nadine Lange

„Ajami“, Israel/D 2009, 124 Min., R: Scandar Copti, Yaron Shani, D: Shahir Kabaha, Ibrahim Frege, Fouad Habash, Eran Naim

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