DRAMABal – Honig : Wo die wilden Bienen wohnen

„Bal – Honig“ heißt der dritte Teil von Semih Kaplanoglus rückwärts erzählter Trilogie um den Dichter Yusuf, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere hatte und den Goldenen Bären gewann. Nach seinen Vorläufern „Yumurta – Ei“ (2007) und „Süt – Milch“ (2008) kommt „Bal“ schließlich in Yusufs Kindheit an. Im ersten Teil, „Yumurta“, ist Yusuf erwachsen, lebt in Istanbul und kehrt zum Begräbnis seiner Mutter in seine Heimat in der westtürkischen Region Izmir zurück, wo er den gemächlichen provinziellen Lebensstil wieder schätzen lernt. In „Süt“ ist Yusuf ein jugendlicher Schulabgänger, der seine Mutter beim Verkauf von Milch und Käse aus eigener Produktion unterstützt und kurz vor der Einberufung zum Militär steht.

In „Bal“ schließlich ist Yusuf ein schüchterner, stotternder Junge, der nur mit seinem Vater, einem Imker, fließend spricht. Flüsternd verständigen sich Vater und Sohn. Aber in der Schule muss Yusuf laut und deutlich sprechen. Dabei sehnt er sich danach, vom Lehrer die Belohnungsnadel für gutes Lesen angesteckt zu bekommen, aber immer wieder stockt er beim Vorlesen eines Textes, der ihm eigentlich längst geläufig ist.

In langen, ruhigen Einstellungen erzählt „Bal“ vom abrupten und viel zu frühen Ende einer Kindheit, die von intensiven Sinneseindrücken, Sehnsüchten und Träumen geprägt ist. Lange Streifzüge unternehmen Yusuf und sein Vater Yakup in die dunklen Mischwälder, wo die Bienen hausen, die die Familie ernähren. Immer weitere Entfernungen muss der Vater zurücklegen, um den Lebensunterhalt zu verdienen, immer waghalsiger wird sein Klettern zu den Bienenstöcken in die hohen Bäume. Und dann und wann, wenn er zu Hause ist, bastelt der Vater an einem kleinen Holzschiff, wie Yusuf beobachtet, aber wird er es bekommen? Eines Tages verschwindet der Vater, und Yusuf bleibt mit seiner traurigen Mutter allein zurück. Er braucht jetzt seinen ganzen Mut, um sich auf die Suche nach dem Vater zu begeben.

„Bal“ spielt in der Region Trabzon am östlichen Schwarzen Meer, im 3000 Seelen zählenden Bergdorf Çamlihemsin, wo es den seltenen, würzigen wilden Honig gibt, für den die Region berühmt ist. Dort fand Regisseur Semih Kaplanoglu sowohl seinen siebenjährigen Hauptdarsteller Bora Altas als auch die unberührten Wälder und traditionellen Gewerbe, die er für seinen wunderbaren Spielfilm brauchte. Anrührend.Daniela Sannwald

TR/D 2010, 104 Min., R: Semih Kaplanoglu, D: Bora Altas, Erdal Besikcioglu, Tülin Özen

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar