DRAMA„Everybody’s fine“ : Anschluss verpasst

Frank Goode ist ein ordentlicher Mann. Er hat ein blitzsauberes Haus und einen gepflegten Garten, beides hält er gut in Schuss und ist stolz darauf, obwohl das Anwesen vor lauter Adrettheit fast ein bisschen unpersönlich wirkt. Vor kurzem ist er Witwer geworden. Aber jetzt freut er sich: Seine vier Kinder wollen ihn übers Wochenende besuchen. Als dann einer nach dem anderen absagt, beschließt der einsame Mann, sich selbst in Bewegung zu setzen. Seine Reise führt ihn nach New York, Chicago, Denver und Las Vegas, und schließlich begreift er, dass er seine Kinder gar nicht kennt. Ihre Erfolgsstories erweisen sich als Lebenslügen. Spät, aber nicht zu spät fragt er sich, wie er daran glauben konnte.

Die eigentliche Sensation in diesem Film ist Robert De Niro in der Rolle des Frank: In seiner beigefarbenen Windjacke und den etwas ausgebeulten braunen Hosen bringt er sich selbst zum Verschwinden in der Menge älterer Männer, die ihm allenthalben als seine Spiegelbilder begegnen. Einsame Männer, die in Diners vor einer Tasse Kaffee sitzen und froh sind über die professionelle Herzlichkeit der Kellnerinnen.

Anrührend sind seine Versuche, bei aller sozialen Bedürftigkeit die Kontrolle zu behalten, tapfer ist seine Haltung nicht nur angesichts der Enttäuschungen, die seine Kinder ihm bereiten: Als er seine Tochter Amy (Kate Beckinsale), die Chefin einer Werbeagentur, in ihrem riesigen, leeren Haus in Chicago besucht, hat sie kaum Zeit für ihn, und so fotografiert er sich selbst im Garten. Seinen Sohn Robert (Sam Rockwell), angeblich Dirigent, trifft er bei der Orchesterprobe an, und es stellt sich heraus, dass er einfacher Paukist ist. Und Rosie (Drew Barrymore) in Las Vegas muss das Kind der Nachbarin hüten, oder ist es doch ihr eigenes? David, den Künstler in New York, trifft er überhaupt nicht an. Aber die Kinder konfrontieren den Vater auch mit seiner eigenen Ignoranz. Hat er sich jemals für sie interessiert? Tief in die Kindheit gehen die Verletzungen zurück, die Vater und Kinder sich gegenseitig zufügten.

Das visuelle Leitmotiv dieses Films sind Telefonleitungen, Franks Lebenswerk: Er arbeitete in einer Fabrik, die Drähte mit PVC ummantelte, und nun sind sie allgegenwärtig, wenn er aus dem Zugfenster guckt. Dass sie nur scheinbar Verbindungen schaffen, wird Frank allmählich klar. Sensibler, melancholischer Familienfilm. Daniela Sannwald

„Everybody’s fine“, USA 2009, 99 Min.,

R: Kirk Jones, D: Robert De Niro, Kate Beckinsale, Drew Barrymore, Sam Rockwell

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