DRAMA„Fenster zum Sommer“ : In der Endlosschleife

Foto: Prokino
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Wer wegen des Titels an Filme wie „Sommer vorm Balkon“ oder „Sommer in Orange“ denkt, wird erstaunt sein, dass „Fenster zum Sommer“ größtenteils im Winter spielt. Zwar setzt die Handlung im Sommer ein: Juliane (Nina Hoss, links) und August (Mark Waschke, rechts) fahren mit dem Auto durch Finnland, schwimmen in Seen und sind offensichtlich frisch verliebt. Doch dann wacht Juliane plötzlich sechs Monate früher in Berlin auf. Bevor sie August kennengelernt hat. Und vor dem Tod ihrer Freundin Emily (Fritzi Haberlandt).

Die Handlung, die sich zu erstaunlichen Teilen in oder in unmittelbarer Nähe von Einrichtungen der BVG abspielt, erzählt, wie Juliane versucht, Emily zu retten und August ein zweites Mal zu gewinnen. Kameramann Peter Przybylski komponiert schicke Kinobilder, Timo Hietala steuert fesselnde Musik bei, und über allem brilliert die Darstellerriege, allen voran Nina Hoss.

Besonders eindrucksvoll sind ihre Szenen mit Lars Eidinger, der ihren Freund Philipp spielt, gefangen in einer Beziehung, die nach neun Jahren in Routine erstickt ist. Wenn er auf ihr verzweifeltes „Ich habe das alles schon mal erlebt!“ nur beschwichtigend „Ich weiß“ antwortet, wird spürbar, dass die Vertrautheit der Wiederholung Horror und Trost zugleich ist. Später kommt es zwischen den beiden zu einem schonungslosen Trennungsgespräch, ganz ohne Musik und Nebengeräusche, präzise geschrieben und ergreifend gespielt.

Das Problem des Films besteht nur darin, dass das Publikum eine gewisse Medienkompetenz hat. Wer in den letzten 20 Jahren ab und zu einen Film gesehen hat, weiß, dass Zeitsprung-Geschichten auf eines von zwei möglichen Narrativen hinauslaufen: entweder Selffulfilling prophecy oder Butterfly -effect. Im ersten Fall ist der Ausgang des Geschehens derselbe, egal, wie die Charaktere sich verhalten, in Letzterem hat jede noch so kleine Abweichung unabsehbare Auswirkungen auf den Ausgang. Das Publikum wartet auf die Auflösung, mit welchem der beiden Erzählmodelle man es hier zu tun hat. Regisseur Hendrik Handloegten bemüht sich, zur Spannungssteigerung die Antwort so lange wie möglich hinauszuzögern, so lange, dass sich der Eindruck aufdrängt, er könne sich nicht entscheiden. Oder er wisse womöglich selbst nicht genau, wohin seine Geschichte nun eigentlich führen soll. Ambitioniert.David Assmann

D/FIN 2011, 96 Min., R: Hendrik Handloegten,

D: Nina Hoss, Mark Waschke, Lars Eidinger,

Fritzi Haberlandt

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