DRAMA„Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ : Wir sitzen im selben Boot

Foto: Fox
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Was ist wohl das Schlimmste für einen Schiffbrüchigen, der in einer Nussschale auf den endlosen Weiten des Pazifischen Ozeans treibt? Hunger? Durst? Hitze? Einsamkeit? Es könnte auch, dies legt das zur Notausrüstung des Rettungsboots gehörende Handbuch nahe, etwas anderes sein: die Seekrankheit.

Regisseur Ang Lee gelingt es mithilfe der virtuos eingesetzten 3-D-Technik, das monotone Rollen, Krängen und Gieren des Bootes, das unaufhörliche Kippen des Horizonts als physisch spürbare Erfahrung auf den Zuschauer zu übertragen. Und wer einen empfindlichen Gleichgewichtssinn hat oder weit vorne im Kino sitzt, dem geht es womöglich ähnlich elend wie dem armen Pi Patel (Suraj Sharma) in seinem Rettungsboot. Wie der jüngste Sohn eines indischen Zoobesitzers in dieser überaus misslichen Lage gelandet ist, das erzählt in einer viele Jahre später angesiedelten Rahmenhandlung der erwachsene Pi (Irrfan Khan) einem namenlosen Schriftsteller (Rafe Spall), der wohl das filmische Alter Ego des Autors dieser bemerkenswerten Geschichte darstellt.

Wir erfahren vom glücklichen Heranwachsen eines weltneugierigen Kindes, das sich zum Unverständnis seines rational geprägten Vaters (Adil Hussein) aus den verschiedensten Religionen ein eigenes Glaubensbekenntnis zusammen bastelt. Zu der schicksalhaften Seereise kommt es, weil der kleine Zoo irgendwann pleite ist und sich Familie Patel voller Hoffnung und mit diversen Käfigen voller ehemalige Zootiere von Indien ins gelobte Land Amerika aufmacht. Doch das Frachtschiff, auf dem die Auswanderer von dem brutalen Koch (Gérard Depardieu) schikaniert werden, sinkt in einem Sturm. Und der junge Pi ist bald schrecklich seekrank in der mickrigen und doch rettenden Schaluppe. Wenigstens aber ist er nicht allein. Denn das Schiff ist zwar mit Mann und Maus gesunken, aber es gibt noch andere Überlebende: ein Zebra, eine Hyäne, ein Orang-Utan, ein Bengalischer Tiger.

Das Bestiarium verträgt sich allerdings nicht gut auf der Mini-Arche. Es mögen zwar Zootiere sein, aber eben doch keine zahmen Haustiere. Allzu bald ist die Rettungsbootbesatzung geschrumpft auf Mensch und Tiger. Der aber ist, obwohl „Richard Parker“ bekosenamt, kein Menschenfreund wie der Panther Bagheera im „Dschungelbuch“, sondern eher ein Wiedergänger von Shir Khan: ein zwar gleichfalls seekrankes, aber zunehmend hungriges Raubtier mit intakten Überlebensinstinkten.

Wie Pi es schafft, eben nicht vom Tiger gefressen zu werden, ja dieser sogar auf eine verquere Art zu seinem Lebensretter wird, das schildert Ang Lee als eine der eindrücklichsten Odysseen der Filmgeschichte. Die ungewöhnliche Notgemeinschaft erleidet Hunger und Durst, erlebt Abenteuer mit Haien, Walen, Fliegenden Fischen und einer treibenden Insel, die nicht ganz so paradiesisch ist, wie sie beim ersten Augenschein wirkt.

Bei der Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Yann Martel ist Ang Lee ganz in seinem Element und erweist sich, wie schon in seinen Meisterwerken „Der Eissturm“ (1997) und „Tiger & Dragon“ (2000), als einer der großen magischen Realisten des Kinos. Seinem Kameramann, dem Chilenen Claudio Miranda („Der seltsame Fall des Benjamin Button“), gelingen dazu Aufnahmen von betörender Schönheit und halluzinogener Sogwirkung, die man nicht so leicht vergessen wird. Beeindruckend.Jörg Wunder

USA 2012, 127 Min., R: Ang Lee, D: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Tabu, Rafe Spall, Adil Hussein, Gérard Depardieu

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