DRAMA„Martha Marcy May Marlene“ : Der Lockruf des Gurus

Foto: Fox
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Zwei Jahre war Martha (Elizabeth Olsen, rechts) fort. Einfach verschwunden, ohne Nachricht an Familie oder Freunde. Genauso plötzlich taucht sie wieder auf mit einem Anruf bei ihrer älteren Schwester Lucy (Sarah Paulson), die sie an einer Raststätte aufsammelt. Martha erklärt nichts, aber die Verstörung ist ihr ins Gesicht geschrieben. Sie wird verfolgt von Erinnerungen an ein ganz anderes Leben, das sie in einer sektenähnlichen Kommune geführt hat.

Die ländliche Gemeinschaft hatte ihre festen Regeln, Patrick (John Hawkes) führte seine Jünger mit charismatischer Kraft und psychologischem Geschick an. Dass die Frauen erst essen durften, wenn die Männer ihre Mahlzeit beendet hatten, gehörte genauso dazu wie das Initiationsritual, das durch eine erzwungene Liebesnacht mit dem Guru besiegelt wurde. Auch weit weg im Haus ihrer Schwester kann Martha das Erlebte nicht abschütteln. Nur schwer findet sie den Weg in die bürgerliche Verhaltensnormalität und schlüpft nachts ganz selbstverständlich zu Schwager und Schwester ins Bett, während die beiden gerade Sex haben.

Mit seinem Regiedebüt „Martha Marcy May Marlene“ zeichnet Sean Durkin das eindringliche Porträt einer Frau, die um die Wiedererlangung ihrer Identität kämpft. Durkin inszeniert seine Geschichte nicht als Psychodrama, sondern im Gewand eines Thrillers, der enorme visuelle Sogwirkung entwickelt. Marthas Ängste sind die treibende Kraft des Filmes. Ob nicht nur die Erinnerung, sondern auch die Mitglieder der Sekte sie verfolgen, bleibt lange im Unklaren. Mit handwerklicher Präzision und künstlerischem Stilwillen navigiert Durkin seine Rückblendendramaturgie, kontrastiert den Wohlstand im Haus der Schwester mit Bildern des ländlichen Sektenlebens und zeigt, dass beide Welten auf unterschiedliche Weise an der Manipulation des Individuums arbeiten. Aber das ist nur ein Aspekt in einer Vielzahl von Verweisen und Bezügen, die der Film unaufdringlich herstellt.

„Martha Marcy May Marlene“ ist kein Film, der nach einfachen Erklärungsmustern Ausschau hält, sondern die grundlegende Erschütterung seiner Heldin in eine produktive Verunsicherung des Publikums zu verwandeln sucht. Die fabelhafte Elizabeth Olsen, die in dieser wortkargen Rolle eine ungeheure Bandbreite von Emotionen vermittelt, gilt schon jetzt als eines der vielversprechendsten Nachwuchstalente des amerikanischen Kinos. Eindringlich.Martin Schwickert

USA 2011, 102 Min., R: Sean Durkin, D: Elizabeth Olsen, Sarah Paulson, John Hawkes

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