DRAMA„Naokos Lächeln“ : Die Hinterbliebenen

Foto: Pandora
Foto: Pandora

Drei Freunde, zwei Jungen, ein Mädchen. Sie gehören zu der Generation, die meinte, überhaupt erst entdeckt zu haben, was das ist: Jugend. Und warum länger schweigen über das, was so schön und irritierend zugleich ist: die Entdeckung der eigenen Lust? Dass diese Geschichte eine von gestern ist, errät sofort, wer Toru und Naoko und Midori reden hört: Sie zergliedern die Regungen ihrer Sexualität mit der sachlichen Aufmerksamkeit von Insektenforschern. Egal ob in Frankreich oder Japan, der Aufbruch dieser Jugend kannte keine Grenzen.

Lang ist’s her. Das ist die Perspektive von Haruki Murakamis Roman „Naokos Lächeln“, der zum Weltbestseller wurde. Murakami beginnt: „Ich war 37 Jahre alt und saß in einer Boeing 747. In ihrem Anflug auf Hamburg tauchte die riesige Maschine in eine dichte Wolkenschicht ein.“ Noch im Flugzeug hört Toru eine Version des Beatles-Songs „Norwegian Wood“. Sein Jetlag ist mehr als die Zeitverschiebung zwischen Tokio und Hamburg. Es ist die zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Nun hat der Vietnamese Tran Anh Hung („Der Duft der grünen Papaya“) Murakamis Roman verfilmt und diese Perspektive gestrichen. Nur der Song bleibt, aber kein Hamburg mehr, nicht Torus Angst, er könnte Naokos Bild einmal verlieren. Bei Hung wird alles Gegenwart: Der Student Toru trifft 1968 in Tokio zufällig seine Freundin Naoko wieder. Es ist noch nicht lange her, da haben sie ihre Tage zusammen verbracht: Naoko, Toru und Kizuki. Kizuki war die Mitte. Sobald sie allein waren, wussten sie nicht, worüber sie sprechen sollten. Als Kizuki, der schöne, kluge, selbstbewusste Kizuki, sich das Leben nahm, verloren sie sich aus den Augen. Nun beginnen die beiden Hinterbliebenen, ihr Bild in den Augen des anderen zu suchen, vor allem aber das des verlorenen Freundes. Und Toru lernt noch ein anderes Mädchen kennen, das ist ganz anders als Naoko.

Obwohl Tran Anh Hungs Filme mitunter aussehen, als seien sie ganz aus Schönheit und Schwermut gemacht, will ihm das ausgerechnet in „Naokos Lächeln“ nicht gelingen. Wenn Murakami beschreibt, wie Naoko und Toru über eine Wiese gehen, weiß man augenblicklich, so sind noch nie zwei über eine Wiese gegangen. Hung findet zwar Bilder dafür, doch bleiben sie auf seltsame Weise gleichgültig. Vielleicht ist es doch die Perspektive der Erinnerung, die diesem Jungsein nach dem ersten großen Schmerz erst ihr eigentümliches Gewicht gab. Schwermütig.Kerstin Decker

J 2010, 133 Min., R: Tran Anh Hung, D: Kenichi Matsuyama, Rinko Kikuchi, Kiko Mizuhara

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben