DRAMA„Take Shelter – Ein Sturm zieht auf“ : Familie am Abgrund

Julian Hanich
Foto: Ascot Elite
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Wird Curtis LaForche von bösen Träumen und Wahnvorstellungen heimgesucht? Oder sind es prophetische Visionen vom Untergang, die ihm das Leben zusehends zur Hölle machen? Immer wieder sieht man ihn schweißüberströmt aus dem Schlaf hochschrecken. Immer wieder nimmt er Dinge wahr, die von anderen unentdeckt bleiben. Immer wieder verrät er Anzeichen für seherische Gaben. Unheimliche Vogelformationen schwirren am Himmel und fegen mit rasender Geschwindigkeit durch die Kleinstadt im Bundesstaat Ohio. Ölig-brauner Regen tropft herab. Bei der Arbeit am Bau hört Curtis ein Donnern, das ihn zusammenzucken lässt – sein Kollege Dewart hingegen scheint das markerschütternde Grollen gar nicht wahrzunehmen. Und dann ist da noch dieser Sturm, der am Horizont aufzuziehen droht. Curtis beginnt, den Bunker in seinem Garten zu vergrößern.

Auf den ersten Blick wirkt Curtis LaForche wie ein gewöhnlicher Mann. Er hat eine kleine Familie, ein anständiges Haus, einen harten, aber ehrlichen Job mit Krankenversicherung. Curtis könnte glatt durchgehen als Durchschnittsamerikaner aus dem Mittleren Westen. Doch eines Tages beginnt seine Existenz zu bröckeln. Curtis sieht Dinge, die er nicht sehen sollte. Und da es in seiner Familie schon eine Reihe von psychischen Krankheitsfällen gegeben hat, kommt es für Curtis nicht völlig überraschend, als ihm die Diagnose gestellt wird: paranoide Schizophrenie. „Take Shelter“, nach „Shotgun Stories“ der zweite Spielfilm des 33-jährigen Regisseurs Jeff Nichols, kann man als packende Studie über das Heraufdämmern einer psychischen Umnachtung verstehen. Einerseits.

Andererseits schwelt in ihm eine bedrohliche Stimmung der Angst. Der stille Durchschnittsamerikaner Curtis LaForche steht kurz davor, alles zu verlieren. Und es ist vor allem die Inszenierung dieser Angst vor dem Verlust des guten Lebens, die „Take Shelter“ seine beunruhigende Wirkung verleiht. Man kann den Film daher auch als Stimmungsbild des heutigen Amerikas ansehen. Statt Spezialeffektgewitter auf den Zuschauer niederprasseln zu lassen, setzt Jeff Nichols auf das eindringliche Spiel seiner Schauspieler (grandios: Michael Shannon). Dazu spielt er David Wingos unheimliche Musik ein mit ihrem einfach-fließenden Leitmotiv. Heraus kommt: eine fesselnde Allegorie über Amerikas Angst vor dem Niedergang. Beunruhigend.

Julian Hanich

USA 2011, 125 Min., R: Jeff Nichols, D: Michael Shannon, Jessica Chastain, Shea Whigham

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