DRAMA„The Music Never Stopped“ : Ein Lied kann eine Brücke sein

Foto: Senator
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Der Titel deutet es an: Musik spielt eine tragende Rolle in diesem klassischen Frühlingstränenzieher. Und es gibt eine musikalische Pointe, die ist so umwerfend gut, dass man sie auf keinen Fall verraten sollte. Nur so viel: Sie hat mit der „Marseillaise“ zu tun und der Reaktion eines rekonvaleszenten Tumorpatienten darauf.

Der nicht mehr ganz junge Mann (Lou Taylor Pucci, rechts), den die ersten Takte der französischen Nationalhymne so heftig bewegen, ist nach einer Gehirnoperation in einen bewusstseinsmäßigen Dämmerzustand verfallen. Seine verzweifelten Eltern lassen nichts unversucht, um mit ihm in Kontakt zu treten. Papa Henry (grandios: J.K. Simmons, links) erinnert sich irgendwann daran, wie begeistert Sohn Gabriel als Kind die Lieblingsschlager seines Daddys mitgesungen hat. Also heuert er eine renommierte Musiktherapeutin (Julia Ormond) an.

Die Sache hat nur einen Haken: Musik war nicht ganz unschuldig daran, dass sich Vater und Sohn vor fast 20 Jahren – die Filmgegenwart spielt in den späten Achtzigern – unversöhnlich zerstritten haben. Denn während Henry den Sound der Hippiebewegung beim Sonntagsbraten als unpatriotischen Schund geißelt, begeistert sich der pubertierende Gabriel gerade für die rebellische Attitüde der Rocker. Als bei einem Konzert seiner eigenen Amateurband eine US-Flagge als Protest gegen den Vietnamkrieg verbrannt wird, kommt es zum Bruch: Daddy ist Kriegsveteran und versteht da keinen Spaß. Nach einem Ausraster seines Vaters hat Gabriel die Faxen dicke und haut von zu Hause ab.

„The Music never stopped“ erzählt in Rückblenden von dieser Entfremdung auf Raten, während die Gegenwart von den rührenden Wiederannäherungsversuchen eines alten Sturkopfs handelt, der zähneknirschend erkennen muss, dass er seinem verlorenen Sohn nur dann helfen kann, wenn er über seinen Schatten springt.

Wie frühere filmische Adaptionen der populären Fallgeschichten des Neurologen Oliver Sacks („Zeit des Erwachens“, „Auf den ersten Blick“) ist auch das Regiedebüt von Jim Kohlberg nicht frei von Sentimentalität und surft hart am Kitsch entlang. Doch das überaus sympathische Spiel des brillanten Ensembles, aus dem der wegen seines Mitwirkens in allerlei Trashfilmen häufig unterschätzte J.K. Simmons als liebenswerter Familiendespot herausragt, sowie die wunderbare Musik machen dieses Rührstück sehenswert. Jörg Wunder

USA 2011, 105 Min., R: Jim Kohlberg, D: Lou Taylor Pucci, J.K. Simmons, Mia Maestro

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