Zeitung Heute : Drei alte Panzer und jede Menge Wut

Wie sich die Kurden auf einen Irak-Krieg vorbereiten

Birgit Cerha[Zakho]

Er beugt sich vor, streift mit seiner rechten Hand die schwarze Uniformkappe herunter und zeigt seinen kahl rasierten Schädel. Drei tiefe Narben ziehen sich quer über den Kopf. Sie sind der Grund, weshalb Adham Ahmed Rashid hier ist, hier an der Kurdischen Militärakademie in der Stadt Zakho im Nordwesten des Irak. Es ist die einzige derartige Schule in dem vom irakischen Regime befreiten Kurdistan. 350 junge Kurden lernen hier für den Krieg.

Aus dem Hof dringt lautes Kampfgeschrei. Die Rekruten exerzieren. „Wer ist unser Führer, wer ist der höchste Revolutionär?“, schreit ein Offizier. „Massoud Barzani“ , brüllen die jungen Männer. Massoud Barzani ist der Führer der Kurdischen Demokratischen Partei, der KDP, die etwa 60 Prozent des freien Kurdistan regiert.

Nur mit Mühe kann Adham Ahmed Rashid seine Gefühle kontrollieren. Sechs Jahre war der heute 23-Jährige, als jene Tragödie geschah, die das Schicksal der fast fünf Millionen Kurden des Irak bestimmte. Seine Eltern waren nach der Niederschlagung einer der großen Kurdenrevolten gegen Bagdad in den Iran geflüchtet, wo Adham in einem Flüchtlingslager im Grenzgebiet geboren wurde. 1987 bombardierte die irakische Luftwaffe dieses Lager. „Tausende Menschen starben“, sagt Adham. Seine Schwester war eine von ihnen. Die Narben an seinem Kopf sind von damals.

Mit zahllosen anderen Flüchtlingen versteckte sich die Familie in den Bergen. Viele Menschen starben dort vor Hunger. „Wie ein Film läuft dieses Drama immer noch vor meinen Augen ab. Ich kann es nicht vergessen.“ Als Adham 1999 mit seiner Familie nach Irakisch-Kurdistan heimkehrte, wusste er, dass er sein Leben dem Kampf gegen Saddam Hussein weihen würde.

Geylan Saleh Hassen ist genauso alt wie Adham. „Wir wollen für unser Recht kämpfen, als freies Volk zu leben wie die Araber oder die Türken“, sagt der schmale Junge mit dem blassen Gesicht. Er hat eine ähnliche Geschichte. 1991, am Ende des Golfkrieges, flüchtete er mit hunderttausenden Kurden vor den heranrückenden irakischen Soldaten in die schneebedeckten Berge und schließlich in die Türkei. Elf Jahre alt war er da. „Damals begriff ich zum ersten Mal das bestialische Wesen Saddam Husseins“, sagt er.

Auf einem Gebiet, das von den Bergen um Zakho bis über die türkische Grenze reicht, trainieren die jungen Männer für den Krieg. „Sie lernen, wie man sich gegen heranrollende Panzer und andere Gefahren schützt, und sie lernen Methoden des Rückzugs“, erläutert General Shahab Ahmed. Attacke, Angriff, Vormarsch aber stehen nicht auf dem Lehrplan. „Wir werden niemanden attackieren. Nur jene, die uns angreifen, sind unsere Feinde.“ Den amerikanischen Invasionstruppen im Kampf gegen Saddam Hussein wollen sie sich nicht anschließen.

„Wahlen sind die einzige Lösung des Kurdenproblems“, steht auf einem Plakat an einer Wand des Speisesaales. Alle versichern hier, sie wollten in einem irakischen Staatsverband bleiben – allerdings mit weitgehenden autonomen Rechten. Doch insgeheim träumen sie den alten Traum von einem unabhängigen kurdischen Staat.

Neben dem militärischen Drill gibt es hier auch ein mentales Training für den Krieg. Keine Miene verziehen die Studenten beim Eintritt der Reporterin in ihr kleines Klassenzimmer. Die Köpfe in den Nacken gelegt, sitzen sie unbeweglich in vier in scharfen Linien ausgerichteten Reihen, den Blick starr auf den Lehrer gerichtet. Dieser, ein Psychologe, erklärt ihnen, wie man im Ernstfall mit Kriegsverletzungen fertig werden kann. Nichts in den starren Gesichtern der Rekruten lässt auf irgendeine Gemütsbewegung schließen.

Eine andere Gruppe übt sich im Fechten. Wieder eine andere singt im Laufen ein altes Peschmerga-Lied. „Peschmerga“, die dem Tod Geweihten, nennen sich die kurdischen Guerillas. Die Peschmerga genießen in der kurdischen Gesellschaft seit langem nahezu mythische Verehrung. Bei allen Rebellionen gegen die irakischen Herrscher bildeten sie jeweils die erste und die letzte Verteidigungslinie. Ihre Härte und Ausdauer im Kampf, die genauen Kenntnisse der Berge, Höhlen und Täler haben sie im Volk schon lange zu Helden gemacht, zu Idolen der Jugend. Heute aber, da in Kurdistan eine moderne Selbstverwaltungsregion entstehen soll, holt sie ihr Oberkommandeur, Massoud Barzani, herunter von den Bergen. Die insgesamt 60000 Guerillas sollen „allmählich in eine reguläre Armee überführt werden“, sagt General Ahmed. „Im Moment aber brauchen wir die Peschmerga noch mit ihren unkonventionellen Kampfmethoden, denn wir haben noch keine richtige Regierung“, ergänzt ein anderer der Offiziere.

Der Status von Kurdistan ist international nicht geklärt, und noch könnte eine erneute Rückkehr in die Berge zur Verteidigung der Freiheit nötig werden. Pläne der den Kurden feindlich gesinnten türkischen Armee, bis zu 30 Kilometer tief in den Nordirak einzudringen, wenn die USA einen Krieg beginnen, lösen hier größte Irritation aus. „Wir werden die Amerikaner zwischen uns und die Türken stellen“, versucht ein Offizier lachend den Ernst der Lage abzuschwächen. Aber alle wissen, dass eine türkische Truppenpräsenz die so teuer errungene Freiheit in Kurdistan rasch zerstören würde.

Die Kampfkraft der kurdischen Krieger ist schließlich sehr begrenzt. Niemand, vor allem nicht die amerikanischen Freunde, hat sie mit modernen Waffen ausgerüstet. Ein paar Anti-Panzerkanonen, Mörser, schwere Maschinengewehre und einige Kalaschnikows – das ist alles, was sie haben. Nachschub an Gewehren beschaffen sie sich durch Schmuggel aus dem Iran. Munition kaufen sie oft von irakischen Soldaten, die ihr Einkommen damit aufbessern. Dazu kommen noch Katyuscha-Raketen und drei alte irakische Panzer, die kurdische Deserteure 1991 mitgebracht hatten. Mit dieser Ausrüstung, das wissen die Offiziere in Zakho nur zu genau, hätten sie gegen Saddam Husseins Armee keine Chance. „Doch wir haben eine Waffe, die die Iraker nicht besitzen“, sagt ein Offizier: „Den Glauben an unser Ziel.“

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