Zeitung Heute : Drei Frauen im Irak

Eine soll unbedingt ein Baby haben, eine fürchtet ihre Nachbarn, eine die Scharia. Berichte aus dem Land am Tigris – fünf Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein.

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein – und haben doch eines gemeinsam: einen Eindruck, den die Bagdaderin Um Hani so formuliert: „Es war schlimm unter Saddam, aber heute ist es schlimmer.“ Dem stimmen eine Frau aus dem kurdischen Autonomiegebiet und eine aus dem südirakischen Diwanijah zu. Die drei Irakerinnen kämpfen heute tagtäglich darum, weiterleben zu können in einem von Krieg, Terror und Chaos geplagten Land. Ein Kampf, der alles andere in den Hintergrund drängt. „Wir reden schon gar nicht mehr über die permanenten Stromausfälle, das verschmutzte Wasser, die fehlende Infrastruktur oder den völlig zusammengebrochenen öffentlichen Dienst.“ Um Hani, Rajaa Khuzai und Roa Samir sind sich nie begegnet und trotzdem sind sie sich nicht fremd. Wie ihnen ergeht es derzeit vielen, fünf Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins.

ROA SAMIR ist die jüngste der drei Frauen. Ihr ganzes Leben schon lebt sie in Kirkuk, seit 27 Jahren. Die Stadt im Norden Iraks, nur 80 Kilometer von den kurdischen Autonomiegebieten entfernt, war seit Generationen immer heiß umkämpft. Es geht um das Kirkuk-Öl, das Reichtum verspricht. Roa ist Kurdin und wie fast alle Kurden sunnitische Muslimin. Bis Ende der 70er-Jahre, als Saddam Hussein die Macht ergriff, war die Mehrheit der knapp eine Million Einwohner Kirkuks kurdischer Abstammung. Saddam änderte das dann. Familien wurden in andere Gegenden zwangsumgesiedelt, Araber an ihrer Stelle in die Ölstadt gelockt; man versprach ihnen Wohnungen, Häuser, Arbeit, Geld. So wollte Saddam das Unabhängigkeitsstreben der Kurden zersetzen. Jetzt will man den Bevölkerungsmix wieder rückgängig machen – seitdem explodieren fast täglich Bomben. Schüchtern beantwortet Roa die Frage nach einem Beruf. Sie wurde für Verwaltungsaufgaben ausgebildet. Doch der öffentliche Sektor in Kirkuk, wie fast überall im Irak, liegt ziemlich am Boden. Es gibt keine Arbeit, Roa ist zuhause. Ihr Mann Zalah, 32, krempelt seine Hose hoch und zeigt die Stelle, wo eine Kugel ihn traf. „Allah sei Dank“ – es war nur am Bein. „Als Polizist stehst du täglich mit einem Fuß im Grab.“ Seit der Verletzung ist er gehbehindert.

Das Bagdader Innenministerium spricht von über 8000 Ordnungshütern, die seit dem Sturz des Diktators am 9. April 2003 ums Leben kamen. Wie viele aber verletzt wurden, weist keine Statistik aus. Ein Mitglied der Sicherheitskräfte zu sein, ist derzeit einer der gefährlichsten Jobs überhaupt. Doch viele junge Iraker bewerben sich dafür. „Es gibt keine andere Arbeit“, sagt Zalah.

Von der Abfindung, die der Staat ihm nach dem Anschlag zahlte, schafften sie ein Taxi an, das sie aber vor wenigen Tagen wieder verkauft haben. Sie brauchen Geld, um sich einer teuren Fruchtbarkeitsoperation zu unterziehen. Roa muss schwanger werden. Seit über zwei Jahren sind die beiden verheiratet und es ist noch kein Kind unterwegs, das geht nicht. Der gesellschaftliche Druck wächst. „Wir haben aus Liebe geheiratet“, sagt Zalah, und er wolle sich keine andere Frau suchen müssen. Seine Frau errötet bei dem Bekenntnis. „Bei uns Muslimen ist das so“, erklärt sie ruhig: „Wenn die Frau ihrem Ehemann keine Kinder schenkt, muss sie gehen oder er nimmt sich eine zweite.“ Es mute, sagt Zalah, wohl schon ein wenig schizophren an, in dieser Kriegssituation alles daranzusetzen, ein Kind zu bekommen und doch nicht zu wissen, ob man morgen noch am Leben sei. Doch das sei auch ein Ausdruck des Überlebenwollens.

UM HANI aus Bagdad bestürzt vor allem die Enge. „Das ist doch kein Leben mehr, das wir hier führen“, sagt sie. „Du musst zuhause bleiben, Türen und Fenster schließen, du kannst mit niemandem mehr reden aus Angst, dass er dich verrät.“ Wie an kaum einem anderen Ort im Irak wurden die Bewohner der Hauptstadt in den vergangenen Jahren durch Terror, Morde und Entführungen erschüttert. Und obwohl die Anzahl der Anschläge zuletzt rückläufig war, kann doch nicht von Sicherheit gesprochen werden. Die Angst vor dem Morgen lässt die 49-Jährige auch weiterhin nachts nicht schlafen. Erst als sie für einen Besuch in der jordanischen Hauptstadt Amman landet, kommt ein Lächeln über ihre Lippen. Um Hani hat Nierenprobleme, wie fast die Hälfte der fünf Millionen Einwohner Bagdads. Die Weltgesundheitsorganisation nennt schlechtes Trinkwasser als Ursache. Aber die medizinische Versorgung ist weitgehend zusammengebrochen. „Es gibt keine Ärzte mehr.“ Wer etwas anderes als Erste Hilfe oder Notbehandlungen braucht, muss ins Ausland. Sie erzählt vom Alltag in ihrer Heimat: „Wenn ich in Bagdad aus dem Haus gehe, was selten ist, erkenne ich die Leute auf der Straße nicht mehr“, sagt sie. „Es ist, als ob jemand die Menschen ausgetauscht hätte.“ Viele ihrer Freunde und Bekannten haben das Land verlassen.

Die Uno schätzt, dass inzwischen mehr als zwei Millionen von rund 26 Millionen Irakern in andere Ländern geflohen sind. Weitere zwei Millionen sind innerhalb Iraks heimatlos geworden. Vor allem in Bagdad hat es blutige Säuberungen gegeben. Viertel, in denen Schiiten, Sunniten und Christen zusammenwohnen, sind jetzt selten.

Um Hani und ihre Familie gehören zu den wenigen Christen, die bis heute in Karrada am Ostufer des Tigris ausharren. Als Autobomben vor den Kirchen explodierten, sind viele weggezogen. Auch die zahlreichen schiitischen Husseinijas (Gebetsplätze) blieben vor Anschlägen nicht verschont. Das ehemals prosperierende Geschäftsviertel hat besonders unter dem Terror gelitten. Und mit ihm Um Hani. „Alles hat sich verändert“, resümiert sie die letzten fünf Jahre, „nicht ein einziger Iraker lebt mehr wie früher“. Für die Frauen, vor allem in der Hauptstadt, seien diese Veränderungen aber am dramatischsten. Früher ist Um Hani zu Frauenpartys gegangen, die bis spät in die Nacht dauerten, sie hat Schmuck und schöne Kleider ausgeführt, war als Christin auf muslimische Hochzeitsfeiern eingeladen. „Heute kann ich nicht einmal mehr Auto fahren.“ Einige Frauen seien am Steuer erschossen worden, sagt sie. „Dann fährst du nicht mehr.“ Der Druck religiöser Fanatiker auf Frauen nimmt ständig zu, vor allem auf die gut ausgebildeten. Im Saddam-Regime hat sie sich nie Gedanken gemacht, wer Sunnit, Schiit oder Christ ist. Jetzt spielt das eine große Rolle. „Es ist, als ob einer ein Streichholz in die Luft gehalten und damit einen Flächenbrand entfacht hat.

RAJAA KHUZAI wurde im Juli 2003 von US-Administrator Paul Bremer angerufen. Er fragt sie, ob sie einen Platz in seinem Regierungsrat, der ersten Übergangsregierung im neuen Irak, wolle. Die 60-jährige Schiitin war damals Direktorin der Kinderklinik in Diwanijah, ihrer Heimatstadt, 150 Kilometer südlich von Bagdad. „Schon damals wurde darauf geachtet, wer Schiit, Sunnit oder Christ, Araber oder Kurde war“, erinnert sie sich, und, dass ihre Familie über das Angebot erstaunt war. Rajaa Khuzai ging nach Bagdad, ihre Angehörigen blieben in Diwanijah – vorerst jedenfalls. Denn schon bald wurde Rajaas sunnitischer Ehemann, ebenfalls Mediziner, bedroht und aufgefordert, das städtische Krankenhaus zu verlassen. Nach iranischem Vorbild sind dort inzwischen nach Geschlechtern getrennte Stationen eingerichtet, eine Ärztin darf keine Männer mehr behandeln, ein Arzt keine Frauen. Rajaa trägt aus Traditionsbewusstsein und religiöser Überzeugung einen Schal oder ein Kopftuch, findet es aber nicht gut, wenn Frauen dazu gezwungen werden. Doch die Flugblätter, die im gesamten Südirak zum Tragen des Hijab aufrufen, sprechen Drohungen bei Zuwiderhandlung aus. In Basra wurden 48 Frauen ermordet, die ihren Kopf nicht bedeckt hatten.

„Die Spaltung einer Gesellschaft beginnt bei den Frauen“, sagt Rajaa Khuzai. Bestes Beispiel sei der Verfassungsausschuss im Sommer 2005 gewesen, in den auch sie hineingewählt wurde. Obwohl die gläubige Schiitin sich zur regierenden Mehrheit zählen konnte, fühlte sie sich nicht wohl. Als es um den Artikel über das Familienrecht ging – das unter Saddam hochmodern war und die Gleichberechtigung großschrieb –, „wurde die Scharia, das islamische Recht, durch die Hintertüre hineingelassen“. Dort steht jetzt: Alle Iraker sind frei, aufgrund von Religion und Ethnie die Rechtsform zu bestimmen. Was heißt: Es gibt also kein Recht mehr, das für alle gilt. Eine fatale Entwicklung, vor allem auch für interkonfessionelle Ehen wie die der Khuzais . Um diese und andere Bedenken noch mal überprüfen zu können, wurde ein Revisionsrecht innerhalb von sechs Monaten nach Amtsantritt einer für vier Jahre gewählten Regierung genehmigt. Premierminister Nuri al-Maliki, ebenfalls ein Schiit, ist jetzt fast zwei Jahre im Amt. Das Recht auf Revision ist inzwischen verwirkt. „Jetzt werden schiitische, sunnitische und kurdische Familiengerichte eingerichtet“, sagt Rajaa – und weil das alles schlimmer macht, dringt nach diesem Satz ein Seufzer aus ihrer Brust.

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