Zeitung Heute : Drei Kugeln auf dem Heimweg

Der Tagesspiegel

Von Thomas Migge, Rom

Marco Biagi liebte sein Fahrrad. So sehr, dass er es am liebsten nach Rom mitgenommen hätte, um damit ins Arbeitsministerium zu fahren. Seine Frau jedoch fürchtete, er könne im berüchtigten römischen Straßenverkehr zu Schaden kommen. Also beugte sich Biagi dieser Sorge „bereitwillig und aus Liebe“, wie er in einem Interview sagte. Fortan bewegte sich der Professor für Arbeitsrecht in Rom nur mit dem Taxi oder mit einer Regierungslimousine.

Jetzt starb Marco Biagi auf seinem Fahrrad. Nicht in Rom, sondern in seiner Heimatstadt Bologna. Und er wurde auch nicht das Opfer eines rasenden Autofahrers, Biagi wurde erschossen. Der Vater zweier Kinder war auf dem Heimweg in die Via Valdonica. Hier befand sich in früheren Jahrhunderten das Bologneser Ghetto. Biagi hatte von unterwegs über das Handy seine Familie angerufen, um mitzuteilen, dass er bald zu Hause sei. Doch er ließ auf sich warten. Beunruhigt über das Ausbleiben ihres Mannes, schaute die Ehefrau aus dem Fenster auf die abendliche Via Valdonica. Was sie dort zu sehen bekam, wird sie gewiss nie mehr vergessen. Marco Biagi lag ausgestreckt in einer Blutlache auf der Straße. Neben ihm lag sein Fahrrad.

Es war am Dienstag um 20 Uhr 35. Nach Aussagen von Zeugen näherten sich zwei Männer mit schwarzen Sturzhelmen auf einem Motorrad ihrem Opfer. Sie schossen drei Mal auf den Radfahrer. Am Tatort wurden keinerlei Hinweise auf die Täter gefunden, auch kein Schreiben, mit dem sich eine politische Gruppierung zu der Tat bekennt. Deshalb gab es vorläufig nicht mehr als Spekulationen über die Motive des Mordanschlags. Arbeitsminister Roberto Maroni sagte gleich am Dienstagabend in einer Sondersendung der RAI: „Marco Biagi war ein Ziel, mit dem man unsere Regierung treffen will.“ Ein allzu einfaches Ziel, denn wie die Witwe Biagis am Mittwochmorgen den Medien gegenüber beklagte, „hat man meinem Mann erst vor wenigen Wochen seinen Polizeischutz gestrichen“. Um Geld zu sparen, wie es hieß.

Biagi war kein rechter Politiker und stand auch nicht im Ruf, besondere Sympathien für die Mitte-Rechts-Regierung zu hegen. Der 52-jährige, zurückhaltende Bolognese war Professor für Arbeitsrecht in Modena und Reggio Emilia. Nicht nur in Italien galt er als angesehener Fachmann auf seinem Gebiet. Aus diesem Grund luden ihn bereits die letzten Mitte-Links-Regierungen sowie EU-Präsident Romano Prodi dazu ein, als Berater für sie zu arbeiten. Auch Silvio Berlusconi wollte auf den Experten nicht verzichten, und so arbeitete Biagi als Berater für den neuen Arbeitsminister Maroni.

Der Mord an Biagi gibt viele Rätsel auf. Wer sind die Täter? Warum wurde der Professor nicht rund um die Uhr bewacht? Vor allem die zweite Frage wird in den nächsten Tagen für heftige Debatten sorgen. Tatsache ist, dass Biagi schon länger auf einer Abschussliste von Terroristen stand. Wie das politische Wochenmagazin „Panorama“ in seiner Ausgabe vom letzten Freitag enthüllte, scheint der Inlandsgeheimdienst schon seit längerem davon gewusst zu haben, dass terroristische Vereinigungen es auf Mitarbeiter der Regierung abgesehen haben. Auf Leute, die man, so Kommunistenchef Fausto Bertinotti, „relativ einfach abknallen kann, weil man ihnen ja ihre Bodyguards gestrichen hat“. Innenminister Claudio Scajola werde sich deshalb die Frage gefallen lassen müssen, sagte am Mittwoch Pietro Fassino, Chef der Linksdemokraten, warum man die möglichen Opfer nicht besser geschützt habe. „Wer wird der Nächste sein?“, fragt der Linkspolitiker Massimo Cacciari, „der Nächste, der mit seinem Tod dieser Regierung klarmacht, dass sie nicht einfach Bodyguards einsparen kann, wenn konkrete Indizien auf mögliche Attentate vorliegen.“

Auf den Anschlag reagierten alle politischen Kräfte mit Entsetzen. Die Gewerkschaften protestierten am Mittwoch in Bologna mit einem dreistündigen Streik. Auch die Linksparteien, die für kommenden Samstag in Rom zu einer Großkundgebung gegen das geplante Gesetz zur Reform des Kündigungsschutzes, an dem ausgerechnet Marco Biagi mitgearbeitet hatte, aufrufen, verurteilten die Tat.

Warum bloß?, fragt nun die italienische Öffentlichkeit. Ist der Terrorismus zurückgekehrt? Viele erinnern an die Zeit vom Ende der 60er bis Anfang der 80er Jahre, als Rechtsextremisten oftmals wahllos Attentate auf Politiker und Privatpersonen verübten. „Strategie der Spannung“ nannte man das damals. „Von einer Strategie der Terroristen kann man derzeit noch nicht sprechen“, sagt Cacciari. Er vermutet vielmehr wie auch Innenminister Scajola, dass „verschiedene Nachfolgegruppierungen der Roten Brigaden Anschläge verüben, ohne sich untereinander abzusprechen“. Manche sprechen von einer auffälligen Parallele zum Jahr 1999. Damals wurde Massimo D’Antona ermordet, auch er ein Berater der Regierung.

Åm Mittwochabend wurde bekannt, dass bei einer Tageszeitung in Bologna ein Bekennerbrief der „Roten Brigaden“ eingegangen sei. Unklar war allerdings zunächst, wie ernst dieses Bekenntnis zu nehmen war. Anstelle von Klarheit gab es indessen schnelle Schuldzuweisungen. Sofort nach dem Mordanschlag, noch am Abend des Dienstags, sprach Ministerpräsident Silvio Berlusconi von „einer schrecklichen roten Gefahr“ und warf der Opposition vor, sich „nicht ausreichend von diesen Elementen zu distanzieren“. Die Opposition wehrte sich gegen solche Anschuldigungen und schloss wiederum nicht aus, so beispielsweise Literaturnobelpreisträger Dario Fo, dass „das Attentat von Bologna von radikalen Rechten ausgeführt wurde, um es den Linken in die Schuhe zu schieben“.

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