Zeitung Heute : Drei Monate Werkbank, drei Monate Hörsaal

Vom dualen System der Berufsakademie-Ausbildung profitieren Wirtschaft und Studierende gleichermaßen

Paul Janositz

Ivana Jagacic hat in diesen Tagen nicht viel Zeit für die Disco. Sie sitzt zu Hause und lernt. Acht Prüfungen innerhalb von drei Wochen sind zu absolvieren. Die Hälfte hat sie bereits hinter sich, darunter Statistik sowie Englisch und Spanisch. Jetzt geht es um wirtschaftswissenschaftliche Fächer, um Kosten- und Leistungsbilanzierung, Organisation, Preispolitik. Dann hat die 22-Jährige das dritte Semester geschafft. Das bedeutet Halbzeit im Studiengang Betriebswirtschaftslehre, Fachrichtung Industrie, an der Berufsakademie Berlin, die seit gut einem Jahr in die Berliner Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) eingegliedert ist. Zu Beginn des Semesters wird Ivana Jagacic wieder den Hörsaal an der Badenschen Straße aufsuchen, nach etwa zwölf Wochen wechselt sie an ihren Arbeitsplatz im Spandauer BMW-Werk.

Der Wechsel zwischen akademischer Lehre und betrieblicher Ausbildung ist das Markenzeichen eines Berufsakademie-Studiums. Eingeführt wurde diese Form des dualen Studiums vor dreißig Jahren in Baden-Württemberg. „Das Konzept entspricht dem Bedarf der Wirtschaft und kommt ebenso den Bedürfnissen der Abiturienten entgegen“, erklärt Manfred Erhardt, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft in Essen. 1974 rief er als Referatsleiter im baden-württembergischen Kultusministerium die Berufsakademien ins Leben, 20 Jahre später führte er als Wissenschaftssenator diese praxisorientierte Studienform in Berlin ein. „Mittlerweile gibt es auch in Sachsen, Thüringen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein Berufsakademien“, sagt Brigitte Reich, Referentin von Wissenschaftssenator Thomas Flierl.

Wie sehr die Wirtschaft an den unternehmensnah ausgebildeten Absolventen interessiert ist, zeigt die Vielzahl beteiligter Unternehmen. „Allein in Berlin und Brandenburg sind es etwa 480“, sagt Helmut Lück, der für Öffentlichkeitsarbeit und Studienberatung an der Berufsakademie zuständig ist. Größere Firmen wie die Deutsche Bahn oder Post, Daimler-Chrysler, Alcatel SEL, IBM oder Schering gehören dazu. Aber auch kleine und mittlere Unternehmen bieten Ausbildungsplätze an. So etwa die Berliner „Stahl- und Leichtmetallbau GmbH“.

„Wir waren von Anfang an dabei“, sagt Franz Reinhard Hauk, Geschäftsführer des Familienunternehmens mit 75 Mitarbeitern, das auf Sicherheitstechnik für Fenster, Türen oder Fassaden spezialisiert ist. An Berlins Hochschulen sei der Bereich Fenster- und Fassadenbau stets vernachlässigt worden, betont Hauk. Mit der Idee, auf diesem Gebiet vertiefte Ausbildung anzubieten, rannten die Berufsakademie-Planer bei ihm offene Türen ein. „Das gibt mir die Möglichkeit, qualifizierte Mitarbeiter aus Fertigung und Montage bei der Weiterbildung zu fördern.“ Vorausgesetzt, die Betreffenden besitzen Abitur oder Fachhochschulreife. Hauk erzählt von einem besonders fähigen Monteur, dem er bei der Weiterqualifikation helfen wollte. Der traditionelle Weg wäre die Prüfung zum „Obermeister“ gewesen. Die Möglichkeit, an der Berufsakademie zu studieren und gleichzeitig im Betrieb weiter zu arbeiten, sei für den Mitarbeiter aber attraktiver gewesen. Vielleicht spielte auch der dem Fachhochschul-Abschluss gleichwertige akademische Grad, den die Absolventen erhalten, eine Rolle. Bisher war es ein Diplom-Abschluss mit dem Zusatz „BA“ für „Berufsakademie“: Diplomingenieur also bei den technischen Studiengängen, Diplomkaufmann oder -volkswirt bei den wirtschaftswissenschaftlichen Richtungen.

Doch mittlerweile ist alles auf das „Bachelor-System“ umgestellt, gleichzeitig mit der Eingliederung der Berliner Berufsakademie in die FHW. „Das geschah aus finanziellen Gründen“, sagt Referentin Reich. Sonst hätte der Bereich stark gekürzt werden müssen und jetzt profitiere die „extrem praxisnahe Ausbildung“ von der Schwerpunktsetzung des Senats in Richtung Fachhochschulstudium. Es gibt Übergangsbestimmungen. Wer am 12. Oktober 2003, dem Zeitpunkt der Integration bereits studierte, kann sich anstelle des „Bachelor“ noch für das Diplom entscheiden. Zudem können Absolventen innerhalb einer Frist von zwei Jahren nach obigem Stichtag, also bis 12. Oktober 2005, den Tausch des erworbenen Diplomgrads gegen den Bachelorgrad beantragen.

Auch Ivana Jagacic hat somit die Wahl zwischen dem traditionellen und dem modernen Abschluss. Entschieden hat sie sich noch nicht. Ein bisschen hängt es auch von der Spezialisierung in den Vertiefungsfächern ab, die sie nach Ende der viersemestrigen Grundstufe wählen wird. Dann folgen zwei Semester Vertiefung und schließlich die Abschlussarbeit.

Die Aussichten auf einen Studienerfolg sind an der Berufsakademie gut, betont Studienberater Lück. Nur etwa jeder Siebte breche das Studium ab, eine im Vergleich zu Hochschulen „sensationell niedrige Quote“. Das liegt sicherlich auch am gut organisierten Unterrichtssystem, mit Anwesenheitspflicht, Stundenplänen und festen Klassenverbänden. Außerdem wird der Lernfortschritt am Ende jedes Semesters mit Prüfungen abgefragt.

Voraussichtlich wird die BWL-Studentin Ivana Jagacic also nach weiteren drei Semestern das Abschlusszeugnis in der Hand halten. Dann wird sich zeigen, ob ihr Wunsch in Erfüllung geht, bei BMW-Motorrad zu bleiben. Das könnte allerdings einen Ortswechsel bedeuten, denn manche in Frage kommende Abteilung, etwa das Marketing, ist in München. „Die Chancen auf Anstellung in dem Unternehmen, das den Ausbildungsplatz zur Verfügung stellt, sind hervorragend“, sagt Lück. Schließlich hätten die Betriebe die Studierenden selbst ausgesucht, nicht selten unter sehr vielen Interessenten: „Oft kommen hundert Bewerber auf einen Studienplatz.“

Auch bei BMW durchlaufen die Interessenten ein ausführliches Auswahlverfahren. „Ich kam in die Schlussrunde mit zwölf Bewerbern, die in einer Art Assessment-Center getestet wurden“, erzählt Jagacic. Glücklich sei sie gewesen, als nach ein paar Tagen bangen Wartens eine Zusage kam. Im Betrieb lernt sie verschiedene Abteilungen kennen. Fragen und Anregungen aus dem Unternehmen kann sie in den Unterricht einbringen.

Auch in Hauks Metallbau-Unternehmen werden die Berufsakademie-Studenten auf Herz und Nieren getestet. Der Vorteil des Systems Berufsakademie sei es, dass die Studenten den Betrieb kennen lernen und dabei ihre Fähigkeiten zeigen könnten. Die Ausbilder könnten so gut beurteilen, ob der Betreffende die betrieblichen Anforderungen erfülle. Hauks Erfahrungen sind überwiegend positiv. Derzeit arbeiten bei ihm zwei Absolventen als Diplom-Ingenieure.

Auf guten Nachwuchs aus der Berufsakademie-Schmiede hofft auch Süleyman Yüksel. Der Geschäftsführer der Berliner „BATEG Ingenieurbau-GmbH“ mit rund 20 Mitarbeitern hat trotz der hohen Arbeitslosigkeit Schwierigkeiten, fachkundiges Personal zu finden. Nächstes Jahr möchte er zwei Berufsakademie-Studenten einstellen. „Während der Ausbildung lernen wir die Mitarbeiter gut kennen“, sagt Yüksel. Auch die Studierenden können testen, ob die Praxis ihren Vorstellungen entspricht. Zudem sind sie finanziell abgesichert.

Wer aber nach drei Jahren dem Ausbildungsbetrieb Adieu sagen muss – oder will –, braucht den Kopf nicht hängen zu lassen. Denn Berufsakademie-Absolventen haben gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Schließlich sind sie wesentlich jünger als Hochschulabsolventen und können Berufserfahrung vorweisen.

Eine aktuelle Studie von IBM, dem deutschlandweit mit 160 Ausbildungsplätzen größten Partner von Berufsakademien, beleuchtet den in jungen Jahren erreichten beruflichen Erfolg. Demnach gelangten etwa drei Viertel der BA-Absolventen, die heute als Führungskräfte tätig sind, vor dem 35. Lebensjahr in diese Position. In der Altersgruppe der 31- bis 40-Jährigen waren zudem die Gehälter der BA-Absolventen am höchsten – sie lagen weit vor den Uni-Absolventen.

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